Grass in der Kritik "Ich schäme mich als Deutscher Deiner Albernheit"

Das Gedicht von Günter Grass löst auch drei Tage nach seiner Veröffentlichung wütende Reaktionen aus. Schriftsteller Rolf Hochhuth schreibt in einem offenen Brief, dass Grass geblieben sei, was er freiwillig geworden war: ein SS-Mann. Zustimmung erhält der Nobelpreisträger aus Iran.

Literaturnobelpreisträger Günter Grass erntet für sein Israel-Gedicht weiter scharfe Kritik aus dem In- und Ausland. Sein Schriftstellerkollege Rolf Hochhuth griff Grass direkt an: "Du bist geblieben, was Du freiwillig geworden bist: der SS-Mann, der das 60 Jahre verschwiegen hat, aber den Bundeskanzler Kohl anpöbelte, weil der Hand in Hand mit einem amerikanischen Präsidenten einen Soldatenfriedhof besuchte, auf dem auch 40 SS-Gefallene liegen", schrieb er in einem offenen Brief, den der Münchner Merkur und die Welt am Samstag veröffentlichten.

Hochhuth, der das Drama "Der Stellvertreter" über den Vatikan in der NS-Zeit verfasst hat, meinte: "Ich (...) schäme mich als Deutscher Deiner anmaßenden Albernheit, den Israelis verbieten zu wollen, ein U-Boot deutscher Produktion zu kaufen, das möglicherweise allein ihrem kleinen Staat die letzte Sicherheit geben kann, von einer engst benachbarten Atommacht buchstäblich über Nacht nicht ausgerottet zu werden!" Iran habe schließlich, den Nazis gleich, dem jüdischen Volk mit Ausrottung gedroht.

US-Autor Daniel Jonah Goldhagen nannte Grass in der Welt einen "Verfälscher seiner eigenen Nazi-Vergangenheit". Mit seinem Gedicht "Was gesagt werden muss", in dem Grass vor einem Präventivschlag Israels gegen Iran und einem Dritten Weltkrieg warnt, kaue Grass "nicht anders als jene am Stammtisch, die kulturellen Klischees und Vorurteile seiner Zeit" durch, schrieb Goldhagen in einem Essay.

Grass' Warnung, Israel könne das iranische Volk mit einem Erstschlag auslöschen, sei absurd. "Grass führt die Perversion - die Verkehrung von Opfern zu Tätern - auf ein neues Niveau." Grass hatte in dem Gedicht auch geschrieben, die Atommacht Israel gefährde den Weltfrieden. Vielmehr habe Iran wiederholt gedroht, Israel und das israelische Volk auszulöschen - daher stellt sich laut Goldhagen die Frage: "Ist Grass wirklich so ignorant oder ist er ein berechnender Zyniker? Ein Zyniker mit einer solchen Abneigung gegen Israel und seine Bevölkerung, dass er die Welt dazu drängt, Israel zum Abbau seines atomaren Schutzschilds (...) zu zwingen und damit bestenfalls unbekümmert seine Vernichtung in Kauf zu nehmen (...)?"

"Er ist kein Antisemit"

Auch in Iran hat das Gedicht Reaktionen ausgelöst. In einem von den iranischen Medien zitierten Brief an den "bedeutenden Schriftsteller" lobte Vize-Kulturminister Dschawad Schamakdari den 84-Jährigen, er habe mit seinem Gedicht "die Wahrheit gesagt". Er hoffe, die Kritik werde "das eingeschlafene Gewissen des Westens aufwecken", schrieb Schamakdari. "Ich habe Ihr warnendes Gedicht gelesen, das auf so großartige Weise Ihre Menschlichkeit und Ihr Verantwortungsbewusstsein zum Ausdruck bringt. Mit ihrer Feder allein können Schriftsteller Tragödien eher verhindern als Armeen."

Kirchlichen Beistand erhielt Grass angesichts des Vorwurfs, er sei ein Antisemit. Manfred Kock, der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), hat den Schriftsteller gegen den Vorwurf in Schutz genommen. "Er ist kein Feind Israels, er ist auch kein Antisemit", sagte Kock in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk. Die Reaktionen auf das Israel-Gedicht des 84-jährigen Schriftstellers hingen damit zusammen, "dass wenn Israel kritisiert wird, in welcher Weise und von wem auch immer, meistens die Keule Antisemitismus geschwungen wird".

Allerdings begreife Grass auch die gegenwärtige Situation nicht und verdecke in seinem Gedicht einen wichtigen Aspekt: "Er weiß nicht oder will nicht wissen, dass Iran ein Staat ist, der Israel als einzigem Staat in dieser Welt das Lebensrecht abspricht und ihn vernichten möchte." Auch Deutsche könnten und sollten Israel zwar kritisieren, meint der Theologe, der auch Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland war. "Wir müssen es aber differenziert tun."