Google-Plattform zur Bundestagswahl Bunt wie ein Kinderteppich

Hui, das klingt nach Revolution: Google hat sich der Bundestagswahl angenommen. Auf einer neuen Plattform soll der Nutzer "mitreden" können. Tatsächlich kann er: klicken. Auf viele Google-Eigenanzeigen. Und auf Grafiken wie aus dem Kinderzimmer. Soll das alles sein?

Von Michael König, Berlin

Google hat revolutioniert: Die Suche im Internet. Das Senden und Verschicken von E-Mails. Die Navigation via Internet und Smartphone. Den Smartphone-Markt an sich. Und jetzt also die Demokratie? Na ja. Einen Versuch war es wert.

"Mach' die Wahl zu Deiner Wahl" steht neuerdings unter der Sucheingabe-Maske auf Google.de. Hinter dem Link verbirgt sich "ein digitaler Treffpunkt, bei dem man sich nicht nur informieren, sondern auch über Programme und die Politiker diskutieren kann". So sagt es zumindest ein Sprecher des Konzerns.

Der erste Blick ist ernüchternd: Die Startseite wirkt, als habe Google für jeden seiner Dienste eine auf Politik getrimmte Werbeanzeige erstellt. Und die dann einfach nebeneinander geklatscht.

Google lässt sich füttern

Es gibt da: Links zu den Parteien auf Google Plus, dem hauseigenen Social Network. Links zu Google News. Links zu Google Hangouts, der eigenen Videokonferenz-Plattform. Und Links zu Youtube. Wer so eine Übersicht bislang vermisst hat, dem wird hier geholfen.

Eine Revolution ist das nicht. Es gibt bessere Wahl-Plattformen, sie heißen zum Beispiel wahl.de oder politik-digital.de. Google bedient sich bei dieser Konkurrenz, Google lässt sich füttern.

Die Menschen von politik-digital.de liefern Grafiken zu, sie sind auch für die Zusammenstellung der Youtube-Inhalte auf der neuen Google-Plattform zuständig. Da gibt es viele Interviews des Bloggers Tilo Jung zu sehen, der gewissermaßen die Feuerzangenbowle zu seiner Arbeitsmaxime erhoben hat: "Watt is en Dampfmaschin? Da stelle mer uns janz dumm."

"Jung und Naiv" heißt seine crowdgefundete Video-Reihe. Sie soll Politiker und Experten dazu bringen, auf ihr übliches Fachchinesisch zu verzichten. Klappt leider nicht immer. Da redet Renate Künast, Fraktionschefin der Grünen, etwa minutenlang über europäische Energiepolitik, über Euratom und solche Dinge. Und Jung fragt nur dazwischen: "Echt?" - "Machen wir?" - "Ach." - "Ah, da müssen wir die anderen Länder jetzt überzeugen."

Besonders befremdlich sind Google die Funktionen "#Debatte" und "Trends" geraten. Hinter dem ersteren Knopf verbirgt sich eine Grafik wie ein Straßen-Spielteppich aus dem Kinderzimmer. Darauf sind willkürlich Sprechblasen verteilt, etwa: #BND, #Prism, #Europa. Wer drauf klickt, landet jeweils auf reichlich unübersichtlichen Seiten zum Thema. Mitreden? Das geht woanders leichter, etwa bei Twitter.

Die "Trends" bilden den Gipfel der Enttäuschung. Google, der allwissende Konzern, hat hier schlicht abgebildet, wie hoch das Suchvolumen für die Spitzenkandidaten der fünf im Bundestag vertretenen Parteien in den vergangenen Wochen und Monaten war.

Der Erkenntnisgewinn: Nach Kanzlerin Angela Merkel wird immer gesucht, nach SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück manchmal mehr, manchmal weniger. FDP-"Spitzenmann" Rainer Brüderle interessierte die User phasenweise gar nicht, und CSU-Spitzenkandidatin Gerda Hasselfeldt kennt kein Mensch.

Danke, Google, aber das hätten wir uns auch so denken können.