Glosse Das Streiflicht

(SZ) Die Aussage des Zukunftsforschers Matthias Horx, wonach das Internet in der Krise stecke, hat unter Horxens Freunden und Bewunderern Sorge ausgelöst. Ihrem Gefühl nach bewerkstelligt Horx nämlich seine Prophezeiungen unter anderem mithilfe des Internets, und wenn das in der Krise steckt, kann er, Horx, ja womöglich gar nicht mehr herausfinden, ob es wirklich in der Krise steckt. Es wäre dies ein Sonder-, ja Grenzfall von self-destroying prophecy, der an einen schönen Grenzfall aus der Sparte self-fulfilling prophecy erinnert. Personen der Handlung sind der Graf Bobby und der Baron Mucki, die sich eine "Hetz" machen. Bobby öffnet das Wohnungsfenster und ruft auf die Straße hinunter: "In der Florianigassn tanzt a Lachs!" Er wiederholt das ein paar Mal, bis die Passanten in Haufen zur Florianigasse laufen. Nun holt er selbst seinen Hut, und als Baron Mucki ihn fragt, wo er hinwill, antwortet er: "In die Florianigassn. Am End tanzt da wirklich a Lachs."

Wie geht Zukunftsdeutung? Wir Laien haben davon keinen Begriff. Wir kennen nicht einmal den Unterschied zwischen Zukunftsforschung und Zukunftswerkstatt, den wir uns so vorstellen: Die Zukunftsforschung sagt uns voraus, dass wir beim Lotto gewinnen, und zwar mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 : 14 000 000. In der Zukunftswerkstatt füllen wir 50 000 000 Lottoscheine aus und erhöhen so unsere Gewinnchancen, was bitter nötig ist, weil wir nun definitiv pleite sind. Es wäre interessant zu erfahren, wie die Großen der Zunft, Matthias Horx zum Beispiel und natürlich Horst W. Opaschowski, der Zukunft auf die Schliche kommen. Die Mantik, wie das Geschäft der Seher heißt, hat im Lauf ihrer Geschichte eine Menge Taktiken und Werkzeuge entwickelt, um die vermutete göttliche Allwissenheit anzuzapfen. Man arbeitete mit der Ekstase, schlachtete Träume aus, ließ das Orakel sprechen und hörte sich bei den Toten um, und wenn das alles nicht fruchtete, ließ man sich vom Flug der Vögel oder von den Eingeweiden geschlachteter Tiere inspirieren. Ob Horx und Opaschowski hin und wieder den Zugvögeln nachsehen, subsidiär quasi und zur Absicherung? Nicht dass auch sie in die Florianigasse nachschauen gehen müssen . . .

Die Lehre von den Prognosen ist ein weites Feld, in dem sich auch das Geburtstagsparadoxon findet. Es geht so: Wenn auf einem Fußballfeld 23 Personen herumlaufen, also 22 Spieler und der Schiedsrichter, dann liegt die Wahrscheinlichkeit, dass zwei von ihnen am selben Tag Geburtstag haben, bei 50 Prozent. Auf die Zukunftsforscher übertragen hieße das, dass zwei von ihnen im Januar Geburtstag hätten, wenn insgesamt 23 in diesem Monat seherisch tätig wären. Und nun das Wunder: Horx und Opaschowski brauchen weder Mitspieler noch gar einen Schiedsrichter - sie haben beide im Januar Geburtstag. Alles Gute, ihr alten Spökenkieker!