Glos, Seehofer und das Regieren Ein Hanswurst im Amt

Er darf nicht einmal zurücktreten: Das Hickhack um den ebenso glück- wie machtlosen Wirtschaftsminister Michael Glos gerät zur peinlichen Politposse.

Ein Kommentar von Hans-Jürgen Jakobs

Kürzlich wurde Horst Seehofer gefragt, was er an Berlin vermisse. Sein Antwort ließ ein wenig daran zweifeln, ob es mit seiner Orientierungskunst wirklich zum Besten steht: Der oberste bayerische Politiker benannte den "Blick auf den Friedensengel" - obwohl in der Hauptstadt bekanntlich die "Siegessäule" steht und nicht, wie in München, der "Friedensengel".

Vielleicht hat Seehofer schon zu diesem Zeitpunkt etwas zu viel an Michael Glos in Berlin gedacht, den Parteifreund und einstigen Kollegen im Bundeskabinett. Vielleicht hat ihn das verwirrt.

Der Wirtschaftsminister hat - ganz im Vertrauen - dem CSU-Chef und Ministerpräsidenten Seehofer gegenüber immer mal wieder Rücktrittsangebote gemacht. Erst jüngst hat Glos seinen Wunsch wiederholt, doch sein Parteichef lehnt ab. Seehofer sagt nein.

Das sind schon besondere Verhältnisse. Auf offener Bühne zelebriert der Bundeswirtschaftsminister seine Machtlosigkeit. Der Müllermeister aus Franken -ein Mann, der nicht einmal zurücktreten darf. Ein Minister wider Willen. Eine Marionette am Kabinettstisch.

Er bleibt, was er schon anfangs war: eine Verlegenheitslösung, über die sich Freund und Feind amüsieren - auch wenn nicht alle solch gemeinen Sprüche wie jenen von der "Schlaftablette auf zwei Beinen" von sich geben. Michael Glos ist eine tragische Gestalt.

Ersatz für Super-Stoiber

Vor mehr als drei Jahren, als CDU-Chefin Angela Merkel ihr Regierungsteam organisierte, da galt es, die schwierige bayerische Schwester CSU einzubinden. Deren damalige Lichtfigur Edmund Stoiber wollte sich als Superminister, zuständig für Wirtschaft, durch die Akten arbeiten und Deutschland aufrichten.

Nachdem der Alleskönner aus Wolfratshausen im letzten Augenblick kniff, weil er sich doch lieber weiterhin an Bayern versuchen wollte, musste halt der langjährige CSU-Landesgruppenchef Glos die Farben der Partei vertreten.

Als fundierter Ökonom war der Franke zwar nicht aufgefallen, aber immerhin als treuer, gut vernetzter Parteidiener, der sich aufs Strippenziehen versteht und rhetorisch beim Gegner gut zulangt. Im neuen Amt versuchte Glos mit zunehmend anrührender Verzweiflung, Spuren zu hinterlassen, doch spätestens die Finanzkrise zeigte, wen die Kanzlerin in ökonomischen Fragen für fähig hält: sich selbst und ihren Finanzminister Peer Steinbrück aus der SPD.

Der arme Glos musste sich in Talkshows setzen und so Vorschläge einbringen, die es dann zwar in die Nachrichtenagenturen, aber nicht zu großer Halbwertszeit brachten. Merkel meinte etwas anderes. Verständlich, dass der CSU-Politiker von dieser ministeriellen Tätigkeit die Nase voll hat.

Aber, wie gesagt: Der Arme darf nicht einmal in Würde aufhören. Mag sein, dass es im Hintergrund um die Förderung des Seehofer-Freundes, des bayerischen Unternehmers Thomas Bauer, geht, der zum Bundeswirtschaftspolitiker aufgebaut werden soll - beim Publikum jedenfalls bleibt der Eindruck einer nachhaltigen Demontage des amtierenden Bundeswirtschaftsministers. Für das Volk ist Glos eine Art Hanswurst, der den Minister geben muss. Jemand, dessen Wort nicht zählt.

In der Boulevardpresse war Glos zuletzt mit einer kleinen Affäre gelandet - sein Chauffeur hatte auf einer Tour des Ministers den Dienstwagen über die Füße eines Polizisten rollen lassen, der weisungsgemäß die Durchfahrt stoppen wollte. Glos war in Eile, er musste schließlich den kasachischen Staatspräsidenten zu empfangen.

Die Sehnsucht nach Bestätigung

Der fränkische Politiker schien sich zuletzt - angesichts all der Probleme und Demütigungen - richtig nach ein bisschen Bestätigung zu sehnen, nach einem Zeichen der Wertschätzung. Dass Horst Seehofer jetzt sein Rücktrittsangebot nicht akzeptiert, darf freilich nicht als großer Vertrauensbeweis gelten. Dem bayerischen Premier geht es derzeit darum, der großen CDU und der Kanzlerin ihre Grenzen aufzuzeigen.

Überhaupt ist an der aktuellen Glos-Posse schon das Verfahren seltsam: Adressat für den ministeriellen Rücktritt müsste natürlich die Kanzlerin Angela Merkel sein, die leitet immerhin die Regierung. Wie soll sie jetzt am Kabinettstisch eigentlich vertrauensvoll mit ihrem 64-jährigen Wirtschaftsmann arbeiten, der sich zu alt für den Job fühlt? Und seit wann bestimmt eine Regionalpartei in München darüber, wer in Berlin sich für die Deutschen um Ökonomie kümmert? Hier wird offenbar Angebot und Nachfrage verwechselt.

Kurz vor Weihnachten gab es in der deutschen Wirtschaft einen besonderen Fall: Da erklärte der Zeitschriftenverleger Bernd Kundrun aus dem Hause Gruner + Jahr einseitig seinen Rücktritt aus dem Vorstand des Mehrheitsgesellschafters Bertelsmann. Er wollte auch Bestätigung und Wertschätzung. Wenige Tage später war der Manager natürlich aller seiner Aufgaben entbunden und darf Urlaub machen.

Das müsste jetzt auch die Reaktion der Regierungschefin Merkel sein: Danke, lieber Michael Glos, das war`s. Ruhen Sie sich aus! Und einen schönen Gruß an Herrn Seehofer, bitte!

Der zermahlene Müllermeister

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