Von Wolfgang Roth

Weltweit bemühen sich Fachleute, die Lebensbedingungen in Riesen-Metropolen zu verbessern. Auf die urbanen Zentren verlagert sich aber auch immer stärker die Armut. Wohnten 1970 noch 36 Prozent der Armen in den Städten, waren es 1990 schon 60 Prozent.

(SZ vom 13.05.2003) Armes, reiches Johannesburg: Zehntausende von Delegierten hatten im letzten Sommer auf der Weltkonferenz für nachhaltige Entwicklung in Südafrika einen täglichen Anschauungsunterricht: Viele Busse passierten auf dem Weg zum Tagungszentrum den Township Alexandra, einen Elendsslum mit Wellblechhütten, die in die bloße Erde gestemmt waren. Der Stadtteil Sandton, das Ziel, prunkte dann mit Einkaufspassagen, die die sich nicht hinter der Münchner Maximiliansstraße verstecken müssen.

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Anna Tibaijuka, die Direktorin des UN-Siedlungsprogramms in Nairobi (United Nations Human Settlement Programme, Kurz auch: "UN-Habitat") nennt Viertel wie Sandton die "Glamour-Zonen" der rasch wachsenden Megastädte in der Zweiten und Dritten Welt. Die Frau aus Tansania kennt auch die Schattenseiten der seit Jahrzehnten anhaltenden Landflucht, der stetig anschwellenden Konglomerate.

Hatte in Europa und Nordamerika vor allem die Industrialisierung zur Bildung großer Städte beigetragen, ist in Asien, Afrika und Südamerika nun das Bevölkerungswachstum im Verbund mit dem internationalen Handel treibende Kraft. Allein in Asien existieren nun schon 23 Orte mit mehr als fünf Millionen Einwohnern.

Metropolen aus Kriminalität, Ausgrenzung und Elend

Die Städte sind Wachstumspole, Orte dynamischen Wirtschaftswandels, aber auch Zentren von Kriminalität, Ausgrenzung und Elend. Etwa 70 Prozent des Bruttosozialprodukts von Thailand werden in der Metropole Bangkok geschaffen, wo 20 Prozent der Bevölkerung wohnen. Auf die urbanen Zentren verlagert sich aber auch immer stärker die Armut. Wohnten 1970 noch 36 Prozent der Armen in den Städten, waren es 1990 schon 60 Prozent, der Großteil von ihnen Kinder und Jugendliche.

Schwerpunkt von Elend und Gewalt sind die Entwicklungsländer, aber sie machen dort nicht Halt: Im Jahr 2001 übernachteten durchschnittlich 30.000 Menschen in den Obdachlosenasylen von New York und Los Angeles droht in den Augen von Skeptikern zur "Welthauptstadt der Bandenkriege" zu werden.

In jedem Fall fehlt es in vielen Zentren der Entwicklungs- und Schwellenländer an der Infrastruktur, um der Migration Herr zu werden. Man schätzt, dass 220 Millionen der städtischen Siedler keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, doppelt so viele haben nicht einmal einfache Latrinen.

Illegale Siedlungen nehmen überhand

In Tunis bestehen 30 Prozent des Stadtgebiets aus illegalen Siedlungen, in Karatschi (Pakistan) sind es 45, in Caracas (Venezuela) 55 Prozent. Weil es vielerorts an einer geregelten Abfallbeseitigung und öffentlichen Verkehrsmitteln fehlt, summieren sich die Gefährdungen durch Krankheitserreger und die von Autos verpestete Luft.

Anstöße zu einem besseren Stadtleben geben Konferenzen wie das Parlamentariertreffen in Berlin oder das vom UN-Entwicklungsprogramm initiierte "Weltbündnis der Städte gegen die Armut". Mammutkonferenzen wie 1996 in Istanbul ("Habitat II") enden oft mit hehren Resolutionen ("Menschenrecht auf angemessene Unterkunft") oder verzehren sich in langen Diskussionen über eine "Weltcharta der kommunalen Selbstverwaltung".

Konkretere Hilfe bietet eine unter dem Dach des UN-Habitat-Programms erarbeitete Datenbank, die über 1000 gute Beispiele zur Verbesserung der Lebensbedingungen in den Megastädten vereint, sowohl aus Entwicklungs- wie aus Industrieländern.

Deutschland hilft mit 670 Millionen Euro

Deutschland unterstützt zurzeit weltweit 240 Programme und Projekte zur Stadtentwicklung mit 670 Millionen Euro. Die Mittel fließen zum Beispiel nach Medellin in Kolumbien, wo die Wohnbedingungen in den an steilen Hängen entstandenen Armenvierteln verbessert werden. In der philippinischen Hafenstadt Tacloban wird auch mit deutscher Unterstützung Müllentsorgung und Kanalisation verbessert werden.

Ein Projekt in Mauretanien ist bestimmt von dem Bemühen, das französische Modell zentralstaatlicher Verwaltung aufzubrechen und im Zuge der Demokratisierung die Autonomie der Kommunen zu fördern. Sowohl auf nationaler Ebene wie auch bei der Weltbank ist in den letzten Jahren zunehmend das Bewusstsein gewachsen, dass Bürgerbeteiligung und dezentrale Verwaltungseinheiten ein Schlüssel zur Entwicklung der Städte sind. Sie wirken auch der in vielen Ländern verbreiteten Korruption entgegen.

Anna Tibaijuka jedenfalls lässt sich nicht entmutigen: "In den schnell wachsenden Großstädten fühlt man sich an das London von Charles Dickens erinnert. Glücklicherweise haben wir die Chance, bei der Bewältigung dieser Probleme aus der Geschichte zu lernen."

(sueddeutsche.de)

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