Giftgas-Verdacht Russland warnt vor Feldzug gegen Syrien

Zumindest die syrischen Rebellen scheinen überzeugt, dass Machthaber Baschar al-Assad Chemiewaffen gegen sie einsetzt - mit behelfsmäßigen Gasmasken versuchen sie, sich zu schützen.

(Foto: AFP)

Unterstützung vom letzten Verbündeten: Russland hat den Westen gewarnt, Hinweise auf einen Chemiewaffeneinsatz in Syrien als Vorwand für eine militärische Intervention zu nutzen. Die syrischen Rebellen sorgen derweil vor - mit selbstgebastelten Gasmasken.

Es geht im Syrien-Konflikt in diesen Tagen um die "rote Linie", und darum, ob sie vom Assad-Regime überschritten wurde. Ja, befürchtet die US-Regierung, die konkrete Hinweise darauf haben will, dass der Machthaber Chemiewaffen gegen die Rebellen in seinem Land und damit gegen sein eigenes Volk eingesetzt hat. Für diesen Fall hatten die USA dem Land mit weitreichenden Konsequenzen gedroht.

Nein, heißt es dagegen mit Vehemenz aus dem Dunstkreis des Dikators, der offenbar insbesondere befürchtet, solche Gerüchte könnten ihn den letzten Verbündeten kosten: Russland. Zumindest ließ Assad seinen Informationsminister Omran al-Subi im russischen Fernsehen poltern, die Anschuldigungen seien eine "unverschämte Lüge".

Die russische Regierung hat sich nun ebenfalls in die Rote-Linie-Diskussion eingeschaltet. Ob als Reaktion auf die syrische Beteuerung sei dahingestellt - Moskau warnte jedoch davor, Berichte über den Einsatz von Chemiewaffen als Vorwand für eine Militäroperation in Syrien zu benutzen. "Wir müssen die Informationen sofort in Übereinstimmung mit internationalen Regeln prüfen und sie nicht nutzen, um andere Ziele zu erreichen", sagte Vize-Außenminister Michail Bogdanow bei einem Besuch in der libanesischen Hauptstadt Beirut.

Russland: Informationen nicht unter Verschluss halten

Die Informationen dürften kein Vorwand für eine Intervention in dem Land sein, sagte Bogdanow laut der arabischen Übersetzung seiner Äußerungen. Er forderte eine Offenlegung aller Hinweise auf einen Chemiewaffeneinsatz: "Wenn es ernstzunehmende Beweise für die Verwendung von chemischen Waffen in Syrien gibt, sollten sie sofort vorgelegt und nicht unter Verschluss gehalten werden."

Ranghohe US-Regierungsmitglieder hatten es am Donnerstag als wahrscheinlich bezeichnet, dass in Syrien Chemiewaffen "in geringen Mengen" eingesetzt worden seien. Auch der britische Geheimdienst sprach von "begrenzten, aber überzeugenden Hinweisen". Als möglicher eingesetzter Kampfstoff wurde in US-Quellen das Nervengas Sarin genannt.

Bogdanow verglich die derzeitige Situation mit den Diskussionen vor Beginn des US-Militäreinsatze im Irak im Jahr 2003. Damals habe es "unter dem Vorwand, es seien Atomwaffen vorhanden", einen "gewaltsamen Eingriff in irakische Angelegenheiten" gegeben. Am Ende habe sich aber herausgestellt, dass es dort keine Atomwaffen gab, sagte er im TV-Sender Al-Manar, der der schiitischen Hisbollah-Miliz gehört.

Debatte über US-Intervention in Syrien Obama, der scheue Weltpolizist

Hat Syriens Machthaber Baschar al-Assad tatsächlich Chemiewaffen gegen sein eigenes Volk eingesetzt? Das wäre ein Tabubruch, der eigentlich Amerika und die Weltgemeinschaft auf den Plan rufen sollte. Doch US-Präsident Obama hat in Syrien nichts zu gewinnen - und wird deshalb wohl stillhalten.

Obama und Cameron mahnen zu Besonnenheit

Zuletzt hatten auch US-Präsident Obama und der britische Premierminister Cameron zu Zurückhaltung und Besonnenheit gemahnt, bis Klarheit herrsche. Man habe zwar Hinweise auf einen Einsatz von Chemiewaffen. Doch wisse man nicht, "wann sie benutzt wurden und wie sie benutzt wurden", sagte Obama. Er forderte eine genaue Prüfung, die nicht "einfach über Nacht" erfolgen könne.

Falls sich die Hinweise auf einen Gifteinsatz jedoch bestätigen sollten, würde das die Lage und das Kalkül der US-Regierung verändern, bekräftigte der US-Präsident bei einem Gespräch mit dem jordanischen König Abdullah II. "Durch den Einsatz von Massenvernichtungswaffen gegen Zivilisten würde eine weitere Linie internationaler Normen und Gesetze überschritten. Das würde das Spiel verändern." Auch Regierungssprecher Jay Carney betonte, dass für die USA im Konflikt mit Syrien "alle Optionen auf dem Tisch bleiben".

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rief Damaskus auf, Chemiewaffenexperten der Vereinten Nationen ins Land zu lassen und ihnen "vollen und uneingeschränkten Zugang" zu gewähren. Syriens Informationsminister al-Subi schlug hingegen vor, dass russische Spezialisten den Chemiewaffeneinsatz untersuchen.

Rebellen stellen selbst Gasmasken her

Zumindest die syrischen Rebellen sind von einer Gefahr durch chemische Kampfstoffe überzeugt. Sie forderten die USA einmal mehr zu einer begrenzten militärischen Unterstützung auf. Nötig sei die Einrichtung einer Flugverbotszone, sagte der syrische Oppositionsführer Ghassan Hitto dem amerikanischen TV-Sender CBS. Zudem seien einzelne, gezielte Luftschläge und die Schaffung einer sicheren Passage für die Lieferung von Hilfsmitteln an die Bevölkerung erforderlich. Unterstützung durch ausländische Bodentruppen bräuchten die Aufständischen nicht.

Zumindest zeitnah scheint eine militärische Intervention jedoch nicht in Sicht - und so versuchen die Aufständischen, sich selbst zu helfen. Aus abgeschnittenen leeren Plastikflaschen, zerstoßener Holzkohle, Cola und Gaze stellen die Rebellen behelfsmäßige Gasmasken her, um sich damit gegen mögliche Giftgasangriffe der regierungstreuen Armee zu schützen.