Die Gewerkschaften haben ihren Kurs geändert: Im Jahr der Krise kämpfen sie um Arbeitsplätze, nicht so sehr um mehr Geld.
Wer es am 1. Mai lustig haben wollte, der ging dorthin, wo ein Maibaum aufgestellt wurde; wer es eher traurig mochte, der ging zum DGB. Dass es da nichts zu lachen gab, lag aber weniger an den Rednern; auch wenn die Fähigkeit, Leute zu unterhalten, grundsätzlich keine Eigenschaft ist, die beim Casting von Gewerkschaftern den Ausschlag gibt. Die Zeiten sind nicht zum Lachen für sie. Die Zeiten sind danach, zu retten, was zu retten ist.
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Bittere Zeiten für die Gewerkschaften: Es gilt zu retten, was zu retten ist. (© Foto: dpa)
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Viele Gewerkschafter haben diesmal Mai-Reden gehalten, die wenig gemein hatten mit früheren. Noch im vergangenen Jahr ging es ihnen allen mehr oder weniger darum, die Mitglieder auf den Kampf um höhere Löhne einzuschwören. Nachholbedarf, Binnennachfrage stärken, gerechter Anteil am Aufschwung - das waren so ihre Schlagworte.
Und diesmal? Kommt es einfach darauf an, die Leute in Lohn und Brot zu halten. "Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz", sagte IG-Metall-Chef Berthold Huber. "Wir wollen diese Krise ohne Entlassungen durchstehen", sagte sein IGBCE-Kollege Hubertus Schmoldt.
Die Gewerkschaften haben ihren Kurs komplett geändert; das wird nicht nur in den Reden ihrer Vorsitzenden deutlich, sondern auch in ihren Taten. Die IG Metall hat bei Daimler eine Vereinbarung unterschrieben, mit der die Löhne von 73.000 Beschäftigten um fast neun Prozent gekürzt werden. In der Bankenbranche gab es den unerhörten Vorgang, dass Verdi einer Tariferhöhung zugestimmt hat, die unter einem früheren Angebot der Arbeitgeber blieb.
In der Druckbranche beharrt Verdi zwar noch auf fünf Prozent mehr Geld. Aber wenn ihre Funktionäre derzeit Betriebsversammlungen besuchen, müssten sie eigentlich spüren, dass sie damit über die Köpfe der Leute hinweg agieren - mag also sein, dass die absurd hohe Forderung nur als Hebel gebraucht wird, um Beschäftigungssicherung durchzusetzen. Entgegen dem Klischee sind Gewerkschafter in der Regel keine Brechstangen-Typen; keiner hat Interesse, als ein Feldherr dazustehen, der keine Soldaten mehr hat.
Das größte Problem, das die Gewerkschafter in diesen Tagen haben, ist ohnehin ein anderes. Sie können sich den Mund fusselig reden, warum es richtig ist, Verursachern der Krise mit Milliarden und Abermilliarden beizuspringen, während die kleinen Leute zu verzichten haben - diese Dialektik geht dem Großteil des Publikums nach wie vor nicht auf.
Wer mit dem 1. Mai nichts anzufangen vermag, wer die Diktion der Bsirskes und Sommers auf Dauer langweilig findet, der soll sich nur mal kurz vorstellen, wie es wohl wäre, wenn einer vom Typ Lafontaine an diesem Tag die große Rede schwingen könnte.
Der würde nicht die Rettungsschirme für die einen verteidigen, indem er auch welche für die anderen forderte. Der würde versuchen, jene soziale Unruhe zu erzeugen, von der der gegenwärtige DGB-Chef nur schwadroniert. Die Gewerkschaftspolitik gerade in diesen Wochen zeigt: Die Langweiler sind gar nicht so schlecht für das Land.
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(SZ vom 02.05.2009)
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