Gewaltsame Massenproteste Ägypten blutet für seine Träume

Der ägyptische Militärrat hat das Vertrauen der Menschen in atemberaubender Geschwindigkeit verspielt: Die Generäle haben demokratische Reformen blockiert und die alten Feindbilder am Leben erhalten. Trotzdem haben sie das Land weniger unter Kontrolle, als sie zugeben wollen. Wenn sie nicht nach dem Blutbad von Port Said abtreten - wann dann?

Ein Kommentar von Sonja Zekri, Kairo

Wenn das alles nicht so bedrückend wäre, könnte man zur Abwechslung mal die absurden Momente auf dem Tahrir-Platz würdigen. Über Ägyptens meistumkämpfte Meile schlendern Familien mit Fähnchen, Kutschen rollen vorbei.

Doch nur einen Steinwurf entfernt brüllen Fußballfans der Polizei in einer Seitenstraße ihren Hass entgegen und wuchten Betonblöcke von meterhohen Sperrmauern. Das mit einer beiläufigen Todesverachtung, einer routinierten Kompromisslosigkeit, als kenne das Land gar keinen anderen Zustand mehr als den des Protests.

Die Chancen, dass die Aufgebrachten ihr Ziel erreichen und das festungsartige Innenministerium einnehmen, gehen gegen null. Die Wahrscheinlichkeit, dass Militärratschef Mohammed Hussein Tantawi am Wochenende zurücktritt, ebenfalls. Die Lazarette werden sich füllen, und die Leichenschauhäuser. Und dann?

Die neugewählten Parlamentarier versuchten, die Wut nach der Tragödie im Fußballstadion von Port Said politisch umzumünzen. Sie setzten einen Untersuchungsausschuss ein, verlangen die Absetzung des Innenministers und dass das Militär die Macht rascher an eine zivile Regierung abgibt.

Einige wollen einen Präsidenten sofort und nicht im Juni wählen lassen, auch wenn eine Verfassung erst noch geschrieben werden muss. Würde morgen ein Staatsoberhaupt vereidigt, die Wähler wüssten nicht einmal, welche Aufgaben es erfüllen soll.

Aber für Fußballfans, Aktivisten und Liberale stellt sich die Frage anders: Wenn die Generäle nicht nach der Katastrophe von Port Said mit mehr als 70 Toten zurücktreten, nach dem dramatischen Versagen der Sicherheitskräfte oder der Abrechnung einer bis aufs Blut gereizten Polizei mit den revolutionären Hooligans - wann dann?

Wer Augen habe, so sagen sie, müsse die Strategie erkennen: Port Said war der Versuch der Armee, das Volk durch Chaos zu terrorisieren, um es empfänglicher für eine Militärdiktatur zu machen. Zweifellos gibt es Kräfte, auch in gehobenen Positionen, die jeden politischen Fortschritt unterlaufen, die Ägypten für seine demokratischen Träume bluten lassen wollen. Aber die Wirklichkeit ist komplizierter.

Gewiss, die Militärherrscher haben das Vertrauen der Menschen in atemberaubender Geschwindigkeit verspielt. Sie haben das Innenministerium nicht reformiert, weil ihr Ordnungsbegriff dem der Polizei entspricht. Sie begreifen politische Mitsprache als Erlaubnis zur Huldigung und pflegen dieselben Feindbilder wie früher. Ein Jahr lang haben die Generäle taktiert und diffamiert, um ihre satte, sektiererische Institution vor dem Zugriff einer entstehenden Demokratie zu schützen.

Derzeit liebäugeln sie mit den Muslimbrüdern, obwohl militärische Umarmungsversuche der Islamisten seit Nasser nur katastrophale Folgen brachten. Und doch: Sie kontrollieren das Land womöglich weniger, als sie zugeben wollen. Sie haben langfristige Ziele, aber keine mittelfristige Strategie. Ägyptens Generäle scheitern täglich neu.