Gewalt unter Jugendlichen Sprengstoff in der Zuwanderer-Debatte

Bei den schwerer wiegenden Gewalttaten jedoch tut sich eine Schere zu Ungunsten muslimischer Jungen auf. Muslimische Mädchen, betont Pfeiffer, fielen ebenso selten auf wie ihre Mitschülerinnen anderer Konfession. Und so spricht Pfeiffer auch nicht von einem direkten Zusammenhang zwischen muslimischem Glauben und Gewaltbereitschaft, sondern von einem indirekten.

Deshalb bohrten die Forscher weiter. Sie fragten, ob ein Bild von Männlichkeit vorherrscht, das Gewalt rechtfertigt (Wenn die Frau ihren Mann betrügt, darf der Mann sie schlagen?), ob Gewalt in Filmen oder Videospielen konsumiert wird, ob die Jugendlichen mit anderen Jugendlichen befreundet sind, die Straftaten begangen haben. Vor allem das Bild vom starken Mann, der zuschlagen kann, war bei den muslimischen Jungen aus Zuwandererfamilien weit verbreitet: Sie stimmten mehr als doppelt so häufig Macho-Aussagen zu wie christliche Zuwanderer - am häufigsten die "sehr Religiösen" (22,3 Prozent). Auch beim Konsum von Gewaltspielen und bei der Zahl straffälliger Freunde schnitten sie am schlechtesten ab. Hinzu kommt, dass sich gläubige Muslime auch am wenigsten im Land integriert fühlen: Unter den sehr religiösen Türken, der größten Muslim-Gruppe, fühlen sich nur 14,5 Prozent als Deutsche, obwohl sie zu 88,5 Prozent im Land geboren sind.

Solche Ergebnisse bergen Sprengstoff in der Zuwanderer-Debatte, sie klingen nach Roland Kochs Kampagne gegen ausländische Kriminelle und Thilo Sarrazins Muslim-Schelte; Islamfeinde werden sie dankbar aufnehmen. Das ist Christian Pfeiffer bewusst, auch er findet die Ergebnisse schwierig, schließlich zählte er zu den scharfen Kritikern von Kochs Ausländer-Kampagne. Die Ergebnisse lägen vor, sagt er, doch die Politik könne die Lage ändern. Er erinnert an die christliche Lehre, die ebenfalls lange die Herrschaft des Mannes und häusliche Gewalt gerechtfertigt habe. Die Verantwortung für die verhängnisvolle Machokultur sieht er vor allem bei den Vermittlern islamischer Religion, den Imamen, von denen die meisten aus dem Ausland kämen, ohne Sprache oder Kultur in Deutschland zu kennen. "Wir müssen verhindern, dass Integrationsbemühungen zunichte gemacht werden durch Imame, die türkische Heimatkunde und ein reaktionäres Männerbild predigen." Sie müssten künftig vor der Einreise Sprache und Kultur erlernen.

Doch auch das Verhalten der einheimischen Deutschen zu den Muslimen spiele eine gewichtige Rolle, seit den Anschlägen 2001 schlage den Muslimen ein schädliches Misstrauen entgegen. "Ausgrenzung beginnt schon damit, wenn das muslimische Kind nicht zum Geburtstag eingeladen wird", sagt Christian Pfeiffer.