Ermordung eines Politikers in Tunesien Demonstranten greifen Gebäude der Islamisten-Partei an

Nach dem tödlichen Anschlag auf einen prominenten Oppositionspolitiker sind Tausende Tunesier auf die Straße gegangen. Die Familie des Ermordeten macht die regierende islamistische Ennahda-Partei verantwortlich.

Nach der Ermordung des ranghohen tunesischen Oppositionspolitikers Chokri Belaïd hat es in mehreren Städten des Landes Proteste gegeben. Allein in der Hauptstadt Tunis versammelten sich am Mittwoch nach Angaben von Korrespondenten der Nachrichtenagentur AFP etwa tausend Demonstranten vor dem Innenministerium. Viele forderten den Sturz der Regierung.

In Sidi Bouzid protestierten Augenzeugen zufolge mehr als 4000 Menschen. Sie setzten Reifen in Brand und bewarfen Polizisten mit Steinen. Diese schossen in die Luft und setzten Tränengas ein, um die Menge zu zerstreuen.

In der Stadt Mezzouna nahe Sidi Bouzid wurde das Büro der regierenden islamistischen Ennahda-Partei in Brand gesetzt, in Gafsa verwüsteten Demonstranten Büroräume der Partei.

Familie macht islamistische Partei für Ermordung verantwortlich

Der Regierungskritiker Chokri Belaïd war am Mittwochmorgen vor seinem Haus erschossen worden. Der Anwalt und Menschenrechtsaktivist war eine der Führungspersönlichkeiten seiner Partei und scharfer Kritiker der islamistischen Partei Ennahda. Er warf der Regierung vor, eine Marionette der Führung des Golfstaats Katar zu sein. Seine Familie macht die Ennahda für die Ermordung verantwortlich.

Die Identität der Attentäter ist offenbar noch nicht bekannt. Die Ennahda bestritt eine Verwicklung in das Attentat. Seine Partei sei völlig unschuldig, sagte der Vorsitzende Rached Gannouchi der Nachrichtenagentur Reuters.

Die tunesische Führung verurteilte die Tat als politischen Mord. Tunesiens Präsident Moncef Marzouki rief die Bürger zur Besonnenheit auf und brach einen Besuch in Frankreich ab. Im vergangenen Monat hatte er noch davor gewarnt, dass die jüngsten Spannungen in Tunesien in einen Bürgerkrieg münden könnten. Frankreichs Präsident Hollande erklärte, die erneute politische Gewalt in Tunesien sei alarmierend. "Der Mörder (von Belaïd) hat Tunesien eine seiner mutigsten und freiesten Stimmen genommen."