Berichte über Gräueltaten in Syrien Vorsicht vor Propaganda

Seit Beginn der Proteste verprügeln, foltern und töten syrische Sicherheitskräfte Demonstranten. Doch unabhängige Beobachter gibt es in dem Land kaum. Berichte von Massakern und Kriegsverbrechen, die sich die Gegner gegenseitig vorwerfen, sind deshalb mit großer Vorsicht zu betrachten. Das belegen die Erfahrungen aus etlichen bewaffneten Konflikten.

Von Markus C. Schulte von Drach

Männer nur mit Unterwäsche bekleidet, mindestens einer von ihnen verletzt, werden von einer Gruppe Bewaffneter gezwungen, sich an eine Mauer zu setzen. Dann werden sie erschossen.

Ein Massaker irgendwo in der umkämpften syrischen Stadt Aleppo. Die Toten: Der Anführer und Mitglieder eines Clans, der auf Seiten des Assad-Regimes steht. Die Mörder: Aufständische, die den Tod von 15 Freiheitskämpfern rächen. Oder ist es doch ganz anders? Ermorden hier vielleicht Anhänger des Assad-Regimes Rebellen? Versucht jemand, der Opposition ein Verbrechen in die Schuhe zu schieben?

Auf der Youtube-Seite, auf der das Video zu sehen ist, feiert "SyrianExile1", der den Film dort veröffentlicht hat, mit blumigen Worten den Tod der mutmaßlichen Assad-Anhänger: Sie sei eine gerechte Strafe. Sein Name führt zum Youtube-Kanal Syria Archives, der offiziell die Freie Syrische Armee unterstützt. Handelt es sich also tatsächlich um ein Massaker der Freiheitskämpfer an wehrlosen Gefangenen? Äußert sich hier die Begeisterung über den Tod eines Mannes, der die Nachbarschaft tyrannisierte? Wurde also gewissermaßen ein Tyrannenmord dokumentiert?

Auch wenn im Westen die Sympathie für die Aufständischen groß ist - es gibt keine Garantie dafür, dass sie sich eher an die Genfer Konvention halten, die die Hinrichtung von Gefangenen verbietet, als Regierungssoldaten oder regimetreue Milizionäre. Deshalb muss man sich die Frage stellen: Cui bono? Wem nutzt die Veröffentlichung des Videos?

Wenn es tatsächlich Aufständische sind, die Gefangene massakrieren, schadet der Film dem Ansehen der Opposition im Ausland - und nutzt Assad und seinen Anhängern. Die haben ihre Gegner seit Beginn der Auseinandersetzungen schließlich als Terroristen und Verbrecher bezeichnet. Doch die Glaubwürdigkeit einer Diktatur ist weder bei der eigenen Bevölkerung, noch im Ausland besonders groß.

Ist die Zuordnung der Opfer und Täter also möglicherweise falsch? Auf der anderen Seite dürfte der Tod von regierungstreuen Milizionären das Bedürfnis mancher Aufständischer und Zivilisten befriedigen, die unter deren Angriffen gelitten haben. Solange niemand die Echtheit der Aufnahmen unabhängig überprüfen kann, lässt sich nichts ausschließen. Alles ist möglich.

Wer filmt? Wer twittert?

Inzwischen hat die Freie Syrische Armee selbst bestätigt, dass die Angaben von "SyrianExile1" zum Video zutreffen - und eine Untersuchung des Vorfalls angekündigt. Aber die Unsicherheit über mehrere Tage machen den Film zu einem Beispiel dafür, wie vorsichtig man im Umgang mit solchem Material sein muss.

Das belegt auch ein Youtube-Video, das im April veröffentlicht wurde. Es zeigt, wie ein Mann lebendig begraben wird. Angeblich handelt es sich um einen Journalisten, die Mörder sollen syrische Soldaten sein. Tatsächlich scheinen sie Armeeuniformen zu tragen. Doch weder ihre Gesichter noch irgendwelche Kennzeichen sind zu erkennen. Zudem tragen die Täter Sportschuhe statt Kampfstiefel. Ist es also der Beweis für eine Gräueltat regimetreuer Soldaten? Ist es inszenierte Propaganda der Opposition? Wer weiß.