Gesundheitszustand des Präsidenten Russland rätselt über Putins Rücken

Wie geht es Wladimir Putin? Viele Russen rätseln derzeit über den Gesundheitszustand ihres oft demonstrativ vitalen Präsidenten.

(Foto: AFP)

Gesundheitsfragen sind in Russland stets auch Machtfragen gewesen. Auch deshalb freuten sich viele Russen nach den labilen Jelzin-Jahren über den vitalen Sport-Putin. Aber jetzt fragt sich das Land, wie gesund der oft zur Schau gestellte Präsidentenkörper tatsächlich ist.

Von Frank Nienhuysen, Moskau

Der Anruf wirkt zunächst harmlos. Zaghaft fragt der Herr in der Leitung den Sprecher des Präsidenten, ob er auch nicht störe, so früh am Tag und bei dem heftigen Schneefall. Es ist ein Journalist der Komsomolskaja Prawda, und im Prinzip dreht sich das Gespräch lediglich darum, wie es Wladimir Putin so gehe.

Putin arbeite so wie immer, antwortet Dmitrij Peskow. Der Präsident treibe Sport wie immer, gehe schwimmen und in die Trainingshalle. "Und die Gerüchte über Putins Rücken?" - "Stark übertrieben", sagt Peskow. Fragen nach der Befindlichkeit des Kremlchefs werden derzeit immer häufiger gestellt, nicht nur aus Höflichkeit - vor allem aus Neugierde. Viele Russen fragen sich, wie gesund der oft zur Schau gestellte Präsidentenkörper eigentlich ist.

Kaum war das Interview mit den "unangenehmen Fragen" (so die Eigenwerbung der Komsomolskaja Prawda) erschienen, kursierten am Freitag Meldungen, Japans Premier habe einen geplanten Moskau-Besuch verschoben und dies mit Putins Gesundheitsproblemen begründet. Peskow musste wieder beschwichtigen. Fest steht, dass in Russland derzeit mehr über den offensichtlich maladen Rücken der Nation gerätselt wird als etwa über das Fortkommen bei den Raketenabwehr-Gesprächen.

Gesundheitsfragen sind in Russland stets auch Machtfragen gewesen, Zeichen von politischer Stabilität, oder eben dem Gegenteil. Auch deshalb genossen viele Russen nach den labilen Jelzin-Jahren den vitalen Sport-Putin. Jetzt aber fühlt sich die Bevölkerung an längst vergangen geglaubte Zeiten erinnert, in denen über die Gesundheit der Kremlchefs so freimütig gesprochen wurde wie über die Archive des Geheimdienstes.

Schon 1919 wurde die medizinische Abteilung zum Schweigen verdonnert. Und daran hielt sie sich Jahrzehnte. Nichts erfuhr die Öffentlichkeit darüber, wie es dem schwer kranken Leonid Breschnjew ging. Russlands Bürger ahnten es nur. Jurij Andropow war fast die Hälfte seiner Amtszeit in der Klinik, aber dass er lange schwer krank war, erfuhr das Volk erst, als er tot war. Und als Boris Jelzin immer wieder aus der Öffentlichkeit verschwand, hieß es stets pflichtgemäß: Der Präsident sitzt über seinen Akten.

Bei Putin ist das anders. Er arbeitet, nimmt Termine wahr. Auffällig aber ist, dass der Präsident seit Wochen seine Gäste überwiegend nicht im Kreml empfängt, sondern in seiner beschaulichen Residenz in Nowo-Ogarjowo. Angeblich, um den Moskauer Autofahrern Straßensperren zu ersparen. Reisen wurden verschoben.

Und wann hat es das in der vergangenen Dekade schon gegeben, dass ein Meinungsinstitut die Bürger nach Putins Gesundheitszustand befragt? Nur 40 Prozent befanden, er sei gut oder sehr gut. Sprecher Peskow wies daraufhin, dass Putin wie jeder Sportler vielleicht ein wenig Schmerzen "im Rücken, in der Hand oder im Bein", habe, aber seine Arbeitsfähigkeit würde dies nicht stören.

Schon nächste Woche kann sich die Bevölkerung vielleicht ein besseres Bild machen. Denn nach längerer Zeit plant Putin wieder Auslandsreisen, in die Türkei, nach Turkmenistan. Das Interesse dürfte groß sein, nicht nur wegen der Wirtschaftsfragen. Sondern wegen der, wie es ihm geht.