Wer wissen will, wie der griechische Staat sich ins Unglück geritten hat, der kann in einem Athener Gartenlokal, in dem das Stimmengewirr Schutz vor Lauschern bietet, den unauffälligen Herrn Kavvadas treffen; er kann auch mit Politikern reden, die einen Tag später anrufen und ihre Aussagen korrigieren.

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Die EU war schon fast euphorisch, weil Griechenland jetzt so viel tut für die 110 Milliarden Euro, die Europa und der Währungsfonds Athen in den kommenden drei Jahren geben werden; für 22 Milliarden garantiert Deutschland. Weil Athen Ausgaben und Renten kürzt und Steuern erhöht, so dass das Riesendefizit bereits leicht geschrumpft ist. Im labyrinthischen hellenischen Gesundheitswesen aber sehen die EU-Kontrolleure weiterhin das größte Risiko für eine griechische Genesung.

Sind Menschen krank, tun sie meist alles, um wieder gesund zu werden, nichts ist ihnen zu teuer. Und sie quälen sich mit der Frage, was habe ich falsch gemacht, dass ich so leiden muss, auch wenn die Ursachenforschung meist müßig ist. Ist ein Staat krank, lässt sich das Organversagen ganz gut ergründen. Eine wesentliche Rolle spielt im hellenischen Fall ein Gesetz aus dem Jahr 2001. Damals regierte, wie heute wieder, die sozialistische Pasok-Partei. Das Gesetz mit der Nummer 2955 besagte, dass die staatlichen Krankenhäuser auch ohne öffentliche Ausschreibungen, also ohne Suche nach dem jeweils günstigsten Anbieter, einkaufen dürfen, vorausgesetzt: Produkte sind "nicht vergleichbar" oder dienen einem "speziellen Bedarf des Patienten". Näheres regle ein Dekret.

In dem Amtsstuben wird manchem schummrig

Solche Dekrete wurden dann über die Jahre hinweg reichlich verfasst, so viele, bis die Ausnahme die Regel war, bis praktisch jedes menschliche Ersatzteil, vom Hüftgelenk bis zum kleinsten Knöchelchen in diese Kategorie fiel. Augenlinsen ebenso wie Herzschrittmacher. Das hat das Hellas-Kartell erst möglich gemacht. Lange Listen mit Höchstpreisen regelten fortan den Markt, gedruckt auf Regierungspapier. Ein zwölfseitiges Dekret zu Dialysefiltern enthält gar konkrete Produktbezeichnungen mit Preisen und Firmennamen, quer durch den europäischen Markt. Einigen Leuten in den Amtsstuben wurde da schon ein wenig schwummrig ob der offensichtlichen Verstöße gegen europäisches Wettbewerbsrecht. Die konservative Opposition hat die allgemeine Laxheit auch kritisiert - und als sie an die Macht kam, ebenso weitergemacht.

"Wir wussten, dass die Preise höher sind als im Rest Europas", sagt die Abgeordnete der nun wieder regierenden sozialistischen Pasok-Partei, Elpida Tsouri. Die EU hätte "vor vielen Jahren schon eingreifen müssen". Tsouri spricht von einem "Dreieck" aus griechischen Zwischenhändlern der Pharmahersteller, Staat und Ärzten. Man hat zuletzt ein paar Konten von Chefärzten geöffnet und viele Millionen gefunden. Wer die Konten gefüllt hat, ist bislang nicht bekannt. Tsouri sagt, es sei "unmöglich", dass die Hersteller der Produkte, ob in Deutschland, Italien oder Japan, von den griechischen Gepflogenheiten "nichts gewusst haben".

Lesen Sie die ganze Reportage auf der Seite Drei der Süddeutschen Zeitung.

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(SZ vom 23.07.2010/mob)