Gesundheit Niederlande erleichtern Organspenden

Deutsche Politiker wollen es dem Nachbarland nicht gleichtun. Sie verweisen jedoch darauf, dass der Koalitionsvertrag praktische Schritte vorsieht.

Von Michaela Schwinn

Gäbe es eine Spenderniere für sie, müsste dieses Mädchen nicht in der Medizinischen Hochschule Hannover ans Dialysegerät angeschlossen werden.

(Foto: dpa)

Der niederländische Senat hat am Dienstag ein Gesetz beschlossen, das in Deutschland die Diskussion über Organspende neu entflammen könnte: Eine knappe Mehrheit der Abgeordneten stimmte dafür, eine Widerspruchslösung bei der Organspende einzuführen. Das bedeutet, dass jeder Bürger als möglicher Organspender zählt. Wer nicht dazu bereit ist, muss dies ausdrücklich erklären. In Österreich, Belgien, Spanien und anderen europäischen Ländern gilt eine solche Regelung bereits. Auch in Deutschland wird schon länger eine Reform des Systems gefordert. Allerdings wird es vorerst wohl keine ähnliche Regelung geben, wie mehrere Politiker von Union und SPD am Mittwoch betonten.

Sie wollen jedoch die Praxis bei der Organentnahme verbessern. Damit gilt hier weiter die Entscheidungslösung: Es sind nur diejenigen Personen mögliche Spender, die einer Entnahme ausdrücklich zustimmen. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) wies jedoch am Mittwoch auf die Beschlüsse im neuen Koalitionsvertrag dazu hin. "Entscheidend ist, dass die Transplantationsbeauftragten im Klinikalltag verbindlich von anderen Aufgaben freigestellt werden", sagte er der Süddeutschen Zeitung. "Wir haben verabredet, die Transplantationsbeauftragten besser zu finanzieren und die Aufwendungen für die Organentnahme angemessen zu vergüten." In den Kliniken "brauchen wir mehr Anstrengungen, damit Organspender besser erkannt und mehr Organspenden ermöglicht werden". Alle acht Stunden sterbe in Deutschland ein Mensch, weil kein passendes Organ zur Verfügung stehe, sagte Gröhe.

Sabine Dittmar, die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundesfraktion, stimmte Gröhe im Grundsatz zu. Besonders bei der Entnahme von Organen müsse nachgebessert werden, sagte sie der SZ. So hätten viele Kliniken gar kein Interesse, Spenderorgane zu entnehmen, es fehle an finanziellen Anreizen und an der Organisation, sagte sie. Mit der Widerspruchslösung, also dem künftigen niederländischen Modell, käme sie "ethisch gut zurecht", sagte sie. Dittmar glaubt, dass dadurch die Zahl potenzieller Spender ansteigen könnte. Nicht sicher war sie sich, ob die Zeit schon reif für eine neue Regelung ist: "Weder in der Bevölkerung noch im Parlament nehme ich breiten Zuspruch für diese Lösung wahr." Bis zu einer Neuregelung sei noch ein ganzes Stück Weg zurückzulegen. Bis dahin müsse man sich eben darum kümmern, die Realisierung von Organspenden zu verbessern.

Im Koalitionsvertrag haben Union und SPD zwei konkrete Schritte beschlossen

Einer der schon seit vielen Jahren verlangt, was jetzt in den Niederlanden beschlossen wurde, ist der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. "Durch die Widerspruchslösung bringt man Menschen dazu, sich überhaupt erst die Frage zu stellen, ob sie spenden wollen oder nicht", sagte Lauterbach auf Anfrage. Wer nicht bereit sei, sollte vorher Nein sagen; das schulde man Schwerstkranken, die auf ein Organ warten. "Das aktuelle System funktioniert so einfach nicht."

Tatsächlich ist die Bereitschaft zur Organspende in Deutschland drastisch gesunken: Nachdem es 2016 bereits ein historisches Tief von 857 Spendern gegeben hatte, fiel deren Zahl laut der Stiftung Eurotransplant 2017 noch einmal auf nur noch 769. Mit nur 9,3 Spendern pro eine Million Einwohner liegt Deutschland unter der kritischen Marke, die als Voraussetzung für ein ernst zu nehmendes Organspendesystem gilt.

Für Axel Rahmel, medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation, wäre eine Widerspruchslösung zwar ein Zeichen für die Wertschätzung der Organspende. Er glaube aber nicht, dass sie an der "bedrückenden Situation" in Deutschland etwas ändern würde: "Wir sehen die Hebel für eine Verbesserung eher in den Abläufen und Rahmenbedingungen des Organspendeprozesses."

Der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bundestag, Erwin Rüddel (CDU), wies ebenfalls auf die Beschlüsse im Koalitionsvertrag hin. Nur wenn diese Maßnahmen nicht zügig zu besseren Zahlen führen, sagte Rüddel, müsse über weitere, verbindlichere Reglungen entschieden werden.