Interview: Karin Steinberger

Kurswechsel in Peking: Die Regierung will mit Vertretern des Dalai Lama sprechen. Dessen Privatsekretär, Tenzin Taklha, begrüßt das Angebot - und warnt vor Euphorie. Peking müsse bereit sein, über die Probleme zu sprechen. Der Dalai Lama wird nicht nach China reisen.

SZ: Wie haben Sie von dem Gesprächsangebot der Chinesen erfahren?

Tenzin Taklha, Privatsekretär des Dalai Lama (© Foto: oH)

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Tenzin Taklha: Ein Journalist rief mich an. Eine direkte Anfrage habe ich bis jetzt nicht bekommen.

SZ: Was halten Sie von der Offerte?

Taklha: Seine Heiligkeit hat immer wieder gesagt, dass wir uns verpflichtet fühlen, eine friedliche Lösung zu erlangen. Der einzige Weg dorthin ist, sich zu treffen und über die Sache zu reden. Und jetzt kommt plötzlich diese Neuigkeit. Wir haben stets versucht, die chinesischen Menschen anzusprechen. Aber in all ihren offiziellen Statements haben die Chinesen immer wieder drei Punkte wiederholt: Sie sagen, dass Seine Heiligkeit ein Separatist sei. Sie sagen, dass Seine Heiligkeit die Gewalt anzettele. Sie sagen, dass Seine Heiligkeit den Protest in Tibet anführe. Wenn man sich diese Vorwürfe anhört, macht dieses Gesprächsangebot wenig Sinn, solange sie an ihren Vorwürfen festhalten.

SZ: Das klingt nicht euphorisch.

Taklha: Es sind ja lauter haltlose Vorwürfe. Nehmen Sie zum Beispiel das Thema Separatismus. Seit 1974 sagt Seine Heiligkeit, dass er keine Abtrennung Tibets will, sondern dass Tibet ein Teil Chinas bleiben soll, solange den Tibetern das Recht auf die eigene Sprache und die eigene Kultur zugestanden wird. Und während die Chinesen behaupten, dass er Gewalt anzettele, ist er sogar so weit gegangen, anzukündigen, er werde zurücktreten, wenn die Tibeter gewalttätig werden. Und von Anfang an hat er China als Austragungsort der Olympischen Spiele unterstützt. Wir verstehen also nicht, warum sie all diese Vorwürfe immer wiederholen.

SZ: Gibt es Vorbedingungen für Gespräche von Ihrer Seite?

Taklha: Nein. Aber natürlich sagen wir, dass wir über die Situation in Tibet sehr beunruhigt sind. Nur die Tatsache, dass die Chinesen nun erklären, dass sie uns treffen wollen, reicht nicht. Wir müssen die Probleme ansprechen, alles andere wird uns nicht weiterhelfen. Die Chinesen stehen unter großem internationalen Druck, aber wir müssen all das berücksichtigen.

SZ: Wie würde die tibetische Gemeinde auf Gespräche reagieren?

Taklha: Wir hatten ja schon sechs Gesprächsrunden, und davor gab es auch schon Kontakte, doch all das hat bis jetzt nirgendwo hingeführt. Die Chinesen treffen sich mit uns, um der Welt zu zeigen, dass sie mit dem Dalai Lama reden, doch sie müssen auch die Probleme ansprechen. Wenn es den Chinesen ernst ist, dürfen nicht nur ein paar freundliche Worte ausgetauscht werden.

SZ: Würde der Dalai Lama selbst nach China fahren?

Taklha: Nach allem, was vorangegangen ist? Wir haben ja eine Gruppe, die mit China verhandelt. Ich denke, es wären wohl diese Leute, die dann das Gespräch führen würden.

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(SZ vom 26./27.4.2008/mati)