sueddeutsche.de: Angela Merkel will der Türkei lediglich eine "privilegierte Partnerschaft" anbieten. Diese Politik zielt aus Ihrer Sicht also in die falsche Richtung.

Anzeige

Beck: Ja. Ich halte diese Politik für falsch, weil sie die Chancen Europas nicht nutzt. Mit einer starken europäischen, mit einer kosmopolitischen Realpolitik könnte auf die großen Probleme dieser Welt wie den Klimawandel, die Finanzkrise oder den Terrorismus geantwortet werden. Das Merkwürdige ist, dass man innerhalb Europas diese Einsicht in die historischen Leistungen des europäischen Modells aufgrund von Blindheiten nicht mehr sieht - während gerade außerhalb der EU Europa immer mehr zum Vorbild wird für Probleme, die die nationalstaatliche Politik überfordern.

sueddeutsche.de: Wenn Sie sich ein Europa der Zukunft wünschen könnten - was müsste sich langfristig ändern, damit das europäische Wunder weitergeht?

Beck: Wir müssen verstehen, dass die Risiken - Finanzkatastrophen oder der Klimawandel - global sind und dass wir sie nur gemeinsam bewältigen können, durch zwischenstaatliche Kooperation. Europa muss dabei die Antworten auf die Weltprobleme wie den Klimawandel als Aufgaben begreifen, über die auch eine europäische Identität hergestellt werden kann - und daher auch eine höhere Akzeptanz Europas in der Bevölkerung, vor allem bei Jugendlichen. Wenn sichtbar würde, dass die EU hier Antworten bietet und kolletiv sowie entschlossen handelt, könnte Europa als Modell und Vision eine starke Motivationskraft entwickeln - vor allem bei der jungen Generation.

sueddeutsche.de: Wie zuversichtlich sind Sie, dass Europa sich in diesem Sinne entwickelt - und vor allem: im 21. Jahrhundert den Frieden sichern kann?

Beck: Das ist eine Frage, die den anteilnehmenden Beobachter der europäischen Entwicklung in große Schwierigkeiten bringt. In den vergangenen Jahren gab es viele Einschnitte und auch Rückschritte. Deshalb ist im Moment nicht richtig erkennbar, woher die Wende zu einer wirklich enthusiastischen Entwicklung Europas kommen soll.

Der entscheidende Testfall ist für mich die Auseinandersetzung mit der Wirtschafts- und Finanzkrise und die Frage, ob Europa noch in diesem und im nächsten Jahr das "window of opportunity", das Fenster der Gelegenheit, nutzt und die EU politisch ausbaut. Daran bemisst sich sehr viel. Wenn es allerdings so weitergeht, wie wir das in den letzten Jahren erlebt haben, dann kommt es tatsächlich zu einer Entzauberung Europas.

Sie sind jetzt auf Seite 3 von 3

  1. "Europa ist in großer Gefahr"
  2. Ulrich Beck über die Zukunft des Nationalstaats und die Türkei
  3. Sie lesen jetzt Ulrich Beck über Merkels Politik und die Zukunft Europas.
Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de/odg)