Von Von Nico Fried

Die unterlegene Kandidatin tröstet die nach Aufmunterung dürstende sozialdemokratische Seele.

Gleich zweimal hat Gerhard Schröder am Sonntag in der Bundesversammlung Gesine Schwan so richtig feste an sich gedrückt. Die Präsidentschaftskandidatin der Koalition hatte soeben in Ehren verloren, doch weil sie der politischen Konkurrenz einige Stimmen mehr als erwartet abknöpfen konnte, wurde sie vom Kanzler und den Rot-Grünen gefeiert wie eine Siegerin.

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In Zeiten schlechter Kritik und mieser Umfragewerte sind gerade für die SPD eben auch schon glimpfliche Niederlagen wie kleine Triumphe. Folgerichtig wird in Zeiten des öffentlichen Verdrusses über das regierende Personal eine Frau wie Schwan prompt zu einer Hoffnungsträgerin.

Auch SPD-Chef Franz Müntefering wollte am Montag gar nicht mehr aufhören zu schwärmen. Mit seinem Lobpreis auf die Vorzüge der Professorin zeichnete er zugleich - vermutlich unfreiwillig - ein wenig schmeichelhaftes Bild der übrigen SPD-Belegschaft: Schwan habe gezeigt, wie man die Menschen auch in Diskussionen über schwierige Fragen erreichen könne, sagte Müntefering.

Sie habe es vermocht, Zusammenhänge auf sympathische Art zu erklären. Die SPD könne von ihr lernen, dass man sich manchmal von Details des politischen Alltags lösen und stattdessen eine Zielrichtung klar machen müsse.

Die Leute hätten den Eindruck gewonnen, "da ist jemand, der ist interessant und hat was zu sagen", schilderte Müntefering die Erlebnisse Schwans auf Veranstaltungen. Und fügte dann trocken hinzu: "So jemand können wir gut gebrauchen."

Schon am Samstagabend in der letzten Sitzung der SPD-Fraktion vor der Bundesversammlung war Schwan frenetisch gefeiert worden. Was sie eigentlich gesagt hatte, konnte zwar niemand so recht wiedergeben, aber wie sie es gesagt hatte, das schlug bei den Sozialdemokraten mächtig ein. Offen und humorvoll habe sie gewirkt, "Mut machend", wie es Müntefering am Montag noch einmal in zwei Worten zusammenfasste.

Gesine Schwan, so scheint es, hat der SPD passend zur derzeitigen Lage vorgeführt, dass man auch in aussichtsloser Situation mit Selbstvertrauen auftreten kann. Und die nach Aufmunterung dürstenden sozialdemokratischen Seelen waren für diese Lektion erkennbar sehr empfänglich. Dass eine Kandidatin für ein überparteiliches Amt, die nur für sich spricht, leichter Sympathien erwirbt als ein Politiker in Amt und Verantwortung, spielte im allgemeinen Überschwang eine untergeordnete Rolle.

Was macht man nun mit so jemandem? Die nächstliegende Spekulation sah Schwan bereits auf einem Ministersessel. Immerhin war eine mögliche Kabinettsumbildung in letzter Zeit in der SPD immer verdrießlicher diskutiert worden, weil niemand so recht eine Antwort auf die Frage wusste, welche neuen Köpfe dafür eigentlich in Frage kämen.

Die Universitätsprofessorin, so die Vermutung, könne doch eine prima Bildungsministerin abgeben - eine personelle Innovation gewissermaßen. Schwan selbst hatte sich allerdings schon vor der Präsidenten-Wahl festgelegt, dass sie im Falle einer Niederlage ihren Posten als Direktorin der Viadrina-Universität in Frankfurt (Oder) behalten will. Nicht einmal ihr Selbstbewusstsein reicht offenbar dafür aus, sich für zwei Jahre in eine Regierung zu begeben, deren Chancen auf Wiederwahl nach derzeitigem Stand ziemlich überschaubar sind.

Einen halben Tag lang kursierte am Montag die Variante, Schröder könne Schwan zur Beauftragten der Bundesregierung für die Beziehungen mit Polen machen. Der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg nährte diese Vermutung mit einigen wohlwollenden Kommentaren.

Wenn Schwan dazu bereit sei, könne man für dieses Amt keine bessere Wahl finden. Am Nachmittag erreichte die Redaktionen dann allerdings per Fax die Klarstellung, dass es einen solchen Posten gar nicht geben wird, was offenbar nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass Schwan ihn nicht besonders reizvoll fand.

Franz Müntefering wird darüber nicht unglücklich sein. Der SPD-Chef formulierte seine Pläne für die Nutzbarmachung von Schwans Popularität am Montag ohne Umschweife: "Mein Hauptinteresse ist es, dass sich das auch für die Partei auszahlt." Sein Angebot an Schwan laute deshalb, sie möge doch bitte den Schulterschluss mit der Partei suchen.

Er denke an Gespräche mit den Menschen, so Müntefering. Übrigens auch mit den Menschen an der Parteispitze, weil ein bisschen mehr Reflexion undDenkanstöße von außen nur gut tun könnten. Wie das konkret aussehen soll, habe er mit Schwan schon besprochen - er wolle es aber ihr überlassen, das Ergebnis dieser Unterredungen auch der interessierten Öffentlichkeit mitzuteilen.

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(SZ vom 25.5.2004)