Geschichte Pakistans Zwischen Militär und Mullahs

Am 60. Jahrestag ist in Pakistan niemandem zu Feiern zumute. Das Land ist seit seiner Gründung ein Armeestaat und muss sich nun der Islamisten erwehren. Die Zivilgesellschaft droht zwischen beiden Parteien zerrieben zu werden.

Von Peter Münch

Die Marktstände haben wieder die grün-weißen Flaggen mit dem Sichelmond zum Verkauf herausgehängt, die öffentlichen Gebäude sind geschmückt, und der Staat will das Jubiläum nach Tradition und Vorschrift zelebrieren.

Doch zu ausgelassenen Feiern ist niemandem zumute beim 60. Gründungstag Pakistans. Denn das Land mit seinen 160 Millionen Einwohnern ist einer Zerreißprobe ausgesetzt wie wohl noch nie in seiner Geschichte, und wer in die Zukunft blickt, hat wenig Anlass zu Optimismus.

Vor zehn Jahren, als Pakistan ein halbes Jahrhundert feierte, da waren die Perspektiven weit glorreicher. In Islamabad regierte eine demokratisch gewählte Führung, und im Hintergrund wurde mit aller Kraft an einem Ereignis gearbeitet, das alles verändern und Pakistans Position in der Welt dramatisch verbessern sollte: der Test der Atombombe.

1998 rückte Pakistan mit einem Schlag auf in den Rang einer Nuklearmacht. Das Land fiel in einen Freudentaumel - und erwachte ein Jahr später in einer Militärherrschaft, nachdem General Pervez Musharraf die Regierung für abgesetzt erklärt hatte. Seitdem sind die Zeiten schlechter geworden, und Pakistan droht wieder einmal das Opfer seiner Geschichte und seiner geopolitischen Lage zu werden.

Die Geschichte Pakistans war schon immer die Geschichte eines Staates im Schatten eines viel größeren, nämlich Indien. Ein Komplex seit der Geburtsstunde folgt daraus, und konkret eine Konzentration aufs Militärische. Pakistan, so ein böses Bonmot, ist kein Staat, der sich eine Armee hält, sondern eine Armee mit eigenem Staat.

Dominierende Rolle der Armee

Mehr als 30 der 60 Jahre seit der Staatsgründung wurde das Land vom Militär beherrscht. Und die Streitkräfte - inklusive paramilitärischer Verbände umfassen sie fast eine Million Mann - bestimmen neben der Politik auch fast alle anderen Bereiche des öffentlichen Lebens. So ist es zum Beispiel kein Wunder, dass der aktuelle Bildungsminister ein General und Ex-Geheimdienstchef ist und der Religionsminister der Sohn des früheren Militärdiktators Zia ul-Haq.

Auch im Wirtschaftsleben spielt die Armee eine dominierende Rolle. Die Wachstumsraten der vergangenen Jahre waren mit durchschnittlich etwa sieben Prozent zwar durchaus ansehnlich, das Armutsproblem aber hat dies nicht einmal ansatzweise gelöst.

Profitiert haben allerdings die Streitkräfte, denen zum Beispiel, wie die Autorin Ayesha Siddiqa in ihrem im Frühjahr erschienenen Buch "Military Inc." dargelegt, ein Drittel der Schwerindustrie gehört.

Als Gegenspieler, der allein die Macht des Militärs herausfordern könnte, haben sich die Islamisten erwiesen, und dies ist vor allem Pakistans geopolitischer Lage geschuldet, vor allem der Nachbarschaft zu Afghanistan. Denn seit fast drei Jahrzehnten ist das Land Frontstaat: erst im Kalten Krieg gegen die zum Hindukusch vorgedrungenen sowjetischen Truppen, dann seit 2001 im Krieg gegen den Terror.

Die bittere Ironie der Geschichte ist dabei, dass im Kalten Krieg mit westlicher Hilfe die Islamisten stark gemacht wurden, gegen die der Westen nun im Krieg gegen den Terror kämpft.

Eskalation zum Bürgerkrieg ist möglich

Ein zentraler Schauplatz dieses Kampfes ist Pakistan, das dadurch gewissermaßen in einen Krieg mit sich selbst geraten ist. Präsident Musharraf hat sich den USA als Verbündeter angedient und wird dafür mit Milliardenhilfen belohnt, ohne die er seine Macht gar nicht mehr absichern könnte.

Dagegen kämpfen die Islamisten an, die zum Teil immer noch die in alten Zeiten geknüpften Verbindungen zum Geheimdienst pflegen und die in weit mehr als zehntausend Koranschulen des Landes eine starke Basis haben. Dies kann durchaus zum Bürgerkrieg eskalieren. Der Kampf um die Rote Moschee in Islamabad, in der sich im Juli Taliban-ähnliche Kräfte verschanzt haben, könnte dafür als Menetekel gelten.

Zwischen den beiden Konfliktparteien, dem Militär und den Mullahs, droht die Zivilgesellschaft zerrieben zu werden. Doch dass sie noch existiert, haben Zehntausende in diesem Sommer bewiesen, als sie gegen die Absetzung des Obersten Richters durch General Musharraf protestierten.

Der Präsident musste den Richter schließlich wieder einsetzen, um wenigstens diese Front zu begradigen. Es war ein Sieg für die demokratischen Kräfte. Auf diesem Sieg wollen sie aufbauen.

Aus dem Exil haben die Führer der beiden großen - und traditionell verfeindeten - Parteien, Benazir Bhutto und Nawaz Sharif, nun ihre Rückkehr angekündigt. Sie wollen wieder eine Rolle übernehmen im pakistanischen Machtspiel, denn bis zum Jahresende muss gewählt werden. Doch in 60 Jahren pakistanischer Geschichte waren es selten die Wahlen, die die Geschicke des Landes bestimmt haben.