Gescheiterte Republikflucht "Im Zuchthaus wurde ich erwachsen"

Zelle von Christian J. Th. Koch in Erfurt, 1976: Ich wollte einfach raus

(Foto: Christian J.Th. Koch)

Er versuchte, aus der DDR abzuhauen - und wurde gefasst. Die Strafe: 22 Monate Haft für Republikflucht. Wie Christian J. Th. Koch Einzel-, Dunkelhaft und sadistische Stasi-Wärter überlebte.

Protokoll: Lars Langenau

"Ich kenne Ostdeutsche, die einfach nur raus wollten aus dem SED-Staat. Einfach nur weg! Und genau das war der Antrieb von uns drei Brüdern. Ein Großteil der Westdeutschen wird wohl nie verstehen, dass es eben nicht darum ging, in den 'goldenen Westen' zu kommen, sondern nur weg aus dem SED-Staat. Als Ziel hatten wir Westdeutschland. Es hätte auch Frankreich sein können oder irgendwas. Aber schön war eben, dass meine Verwandtschaft von Eisenach nur 20 Kilometer entfernt auf der anderen Seite lebte. Und so wurde es ein Weg von Deutschland nach Deutschland. Schluss aus.

Das Aufwachsen hinter dem Stacheldraht, das ging für mich nicht. Es wunderte mich immer, dass manche in Ostdeutschland den Stacheldraht nicht als Begrenzung empfunden haben. Für mich jedenfalls war es unerträglich, wenn ich oben auf der Wartburg stand und rüber nach Westdeutschland schaute. Wissend, dass man da machen kann, was man will und gehen, wohin man will, aber dass ich da nicht hindurfte. Ich habe mich als Mensch zweiter Klasse empfunden, aber meine Klassenkameraden hat das nicht tangiert.

Dem ostdeutschen Typus Mensch wurde das Kuschen und Untertanentum anerzogen. Er wurde belobigt, wenn er sich unterordnete. Ich weiß nicht, ob die Verantwortlichen noch einen Restsinn für den Weg zum Sozialismus hatten oder ob sie einfach nur noch Macht und Unterdrückung ausüben wollten. Jedenfalls haben sie zielsicher jede Eigeninitiative zerstört sowie überall den Kadavergehorsam gefordert und belobigt. Warum gab es denn nie eine ehrliche Antwort darauf, warum die Minen beim 'antifaschistischen Schutzwall' innen liegen?

Irgendwann musst du ins Gefängnis

Für mich jedenfalls war es unbegreiflich, dass man sich ohne eigenen Willen durchs Leben schubsen lässt. Allerdings ist mir das erst im Alter von 22 Jahren im Zuchthaus klargeworden, dass mein Leben bis zu diesem Zeitpunkt gelenkt wurde: Schule, Lehre, Armee. Überall bin ich hingeschickt worden.

Und im Prinzip auch in den Knast. Es war mir wohl vorherbestimmt, dass ich in ihm mal lande. Das wusste ich schon meine ganze Jugend: Irgendwann musst du ins Gefängnis. Deshalb war das für mich auch zunächst gar nicht so schlimm, als es nach dem Versuch meiner 'Republikflucht' passierte. Schließlich hatte ich nun einen Termin und das unvorstellbar Schwere war nicht mehr so schwer. Eben weil es angefangen hatte und nicht mehr über mir schwebte.