Gesche Joost Steinbrücks Lotsin durch die digitale Welt

Gesche Joost hat einen Handschuh erfunden, der die Sprache Taubblinder in Mails übersetzt. Sie ist Designerin, Internetpionierin und ein echter Steinbrück-Fan. Dass der Kanzlerkandidat sie in sein Wahlkampfteam holt, signalisiert deutlich: Die SPD geht ans Netz.

Von Constanze von Bullion, Berlin

Eigentlich wollte sie noch ein paar Tage Urlaub an der Ostsee machen, bevor der Rummel losgeht, und eigentlich hätte bei der Gelegenheit auch der digitale Informationsfluss mal eingedämmt werden können. Jedenfalls ein bisschen. Aber wie es eben so ist im rundum vernetzten Leben der Gesche Joost: Sie greift dann doch zum Mobiltelefon, dankenswerterweise, und meldet sich von der Autobahn kurz vor Rostock, vom Beifahrersitz, wo sie in atemberaubendem Tempo von dieser "Vision einer Zukunftsgesellschaft, die wir mitgestalten können" erzählt, von "Hardcore-Elektrotechnik" und davon, dass sie "ein echter Fan" ist. Sie meint den Spitzenkandidaten der SPD, Peer Steinbrück.

Gesche Joost, 38 Jahre alt und geboren in Kiel, soll das Gesicht der Zukunft im Wahlkampfteam von Peer Steinbrück werden. Am Montag will der SPD-Spitzenkandidat die junge Designerin und Kommunikationsprofessorin aus Berlin der Öffentlichkeit vorstellen, und neben Leuten wie dem Gewerkschaftsveteran Klaus Wiesehügel dürfte Joost da einen erfrischenden Eindruck hinterlassen. Eine begeisterungsfähige Netzpionierin und Künstlerin der @Generation geht da der alten Tante SPD in Sachen Internet zur Hand. Wird auch Zeit, findet Joost und meint die digitale Revolution. "Die Politik wirkt da fast reaktiv. Das geht so nicht weiter."

Annäherung an die Wunderwelt der Information

Joost sagt solche Sätze ohne jede Schärfe und im nachsichtigen Tonfall einer Generation, die weiß, dass die angestammten Institutionen der Gesellschaft, die Parteien, die Parlamente, all die traditionellen Schaltstellen des Zusammenlebens, sich oft nur sehr zögerlich jener Wunderwelt der Information annähern, die sie selbst erkundet, fast seit sie denken kann. Und das mit wachsender Gestaltungswut.

Gesche Joost stammt aus einer Druckerfamilie, sie hat im elterlichen Betrieb erlebt, wie Ungetüme von Maschinen vom Computer abgelöst wurden. Sprachcodes und Entschlüsselung, das wurde ihr Thema. Joost hat Design studiert und für ihre Doktorarbeit sozialistische Propagandafilme der 20er-Jahre erforscht. 2005 stieg sie als einzige Frau mit 39 Männern in ein Berliner Forschungsprojekt zur Netzarchitektur ein. "Ich dachte erst, auweia, aber das ging sehr gut." Inzwischen sorgt sie selbst dafür, als Professorin der Universität der Künste Berlin, dass Studentinnen so selbstverständlich wie Studenten "hartes Coden" lernen, reale Gemeinschaften mit digitalen vernetzen und die "Mensch-Maschine-Interaktion" erforschen.

Mal erfand Joost einen Handschuh mit Sensoren, der die Sprache Taubblinder in Mails übersetzt. Mal strickt sie Textilien aus interaktivem Garn und Mikrochips. Bald fährt sie nach Israel, digitalisierten Blumenkohlanbau erforschen. Nein, sagt Gesche Joost, mit Parteien hatte sie nie etwas am Hut, aber Steinbrück kennt sie seit 2006 und kann ihn gut leiden. Jetzt will sie also seine Politik ans Netz holen. "Ich glaube, dass da auf jeden Fall noch Luft nach oben ist."