Geschäfte der Schleuser Wie man ein skrupelloses Gewerbe zur Blüte bringt

Hohe Grenzzäune, unruhige See: Um nach Spanien oder Italien zu gelangen, nehmen Flüchtlinge oft hohe Risiken auf sich.

(Foto: dpa)

Menschenschmuggel ist ein skrupelloses Gewerbe. Trotzdem überlässt Europa die Mehrheit der Flüchtlinge den Schleppern. Statt die Migranten aufzunehmen, ziehen Deutschland und die EU die Zugbrücken hoch - und machen das Geschäft erst möglich.

Kommentar von Stefan Klein

Es geht nun wieder los, das Sterben auf dem Mittelmeer, so früh im Jahr wie noch nie. Begleitet wird es vom Chor der Empörten, die gar nicht aufhören mögen, ihrem Abscheu über das "Schlepper-Unwesen" Ausdruck zu geben, wie es der bayerische Innenminister Joachim Herrmann bei jeder Gelegenheit tut. Kriminell, gewissenlos, skrupellos, brutal, menschenverachtend - kein Adjektiv ist zu scharf, als dass Politiker es den Menschenschmugglern nicht hinreiben würden.

Je lauter da gegeifert wird, desto mehr drängt sich ein Verdacht auf. Ablenkungsmanöver kennt man aus der Kriegsführung, man kennt sie auch aus der Politik, sie sind ein bewährtes Mittel der Irreführung. Mit dem Zeigefinger auf den anderen deuten, damit keiner auf die Idee kommt, man selbst sei der Übeltäter - so einfach funktioniert das, und derzeit hat die Methode wieder mal Konjunktur.

Geschäft mit seeuntüchtigen Schiffen

Schleuser sind in erster Linie stark nachgefragte Dienstleister. Nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage versuchen sie im Norden Afrikas, meist in Libyen, einen riesigen Bedarf zu decken. Dass sie ihren Job als Reiseveranstalter grob fahrlässig und oft auch mit verbrecherischer Energie versehen und um des Reibachs willen seeuntüchtige Schiffe mit Menschen vollquetschen, ist wahrlich beklagenswert, keine Frage.

Viel beklagenswerter aber ist, dass es diesen Geschäftszweig gar nicht gäbe, wenn Europas Politiker nicht die Möglichkeiten dazu geschaffen hätten. Ihre Antwort auf den Flüchtlingsdruck war es, die Zugbrücken an der Festung Europa einzuziehen. Als ließe sich so der Druck gleichsam wegzaubern. Lässt er sich aber nicht, und so wurde ein Gewerbe zur Blüte gebracht, das sich darauf versteht, Schlupflöcher zu finden und Transportmittel zur Verfügung zu stellen, gegen viel Bares.

Europa rühmt sich ja gerne als Raum der Sicherheit, der Freiheit und des Rechts, nur ist dieser Raum inzwischen von Friedhöfen umgeben - und es sind nicht die Schleuser, die daran die Schuld tragen. Es sind jene, die stur und unbelehrbar auf Abschottungspolitik setzen und nicht begreifen wollen, dass es nur einen Weg gibt, den Druck zu verringern, die Migration zu entkriminalisieren und die Schleuser arbeitslos zu machen: legale Einreisemöglichkeiten schaffen.

Flüchtlinge aus Syrien werden den Schleppern überlassen

Beispiel Syrer. Die bekommen in Deutschland derzeit zu Recht nahezu alle Asyl, weil sie vor einem mörderischen Krieg geflohen sind. Manche holt man sogar mit Flugzeugen ins Land. An ihrer Berechtigung, hier bei uns Schutz zu suchen, kann es keinen vernünftigen Zweifel geben. Und doch überlässt man ungerührt die große Mehrheit von ihnen den Todesrouten, den Schleppern, den Gefahren, den Traumata und der Ungewissheit, ob sie es bis nach Europa schaffen oder ob sie auf dem Meer ersaufen oder erfrieren.

Und wieso nicht auch Afrikas Migranten endlich Wege nach Europa öffnen? Dass man sie hier gut gebrauchen kann, ist längst eine Binsenweisheit. Das alte Deutschland, dessen Bevölkerung tendenziell immer weniger wird, kann schon länger seine Ausbildungsplätze nicht mehr besetzen. Einlass gewähren, zu fairen Bedingungen beschäftigen, es wäre ein großer Beitrag zur Reduzierung von Elend, zur Stabilisierung der Sozialkassen und letztlich auch zur Entwicklung Afrikas.

Lauter Vorteile, aber Europas Politiker, die deutschen vorneweg, bleiben ihrem Abschottungsdenken verhaftet und werden nicht müde, das Publikum für dumm zu verkaufen und ihm zu erklären, wie dringlich es sei, den Schleusern das Handwerk zu legen. Es würde schon reichen, wenn man es überflüssig machte, aber manchmal hat man leider den Eindruck, als sei die Pegidaisierung ein schleichendes Gift, gegen das auch die Politik nicht immun ist.