Gesamtschau Die drei Modelle der Moderne

Konrad Jarausch, Out of Ashes. A New History of Europe in the Twentieth Century, Princeton University Press 2015, 880 Seiten, 39,50 Dollar.

Der Deutsch-Amerikaner Konrad Jarausch hat eine große Geschichte Europas im 20. Jahrhundert vorgelegt.

Von Jost Dülffer

Was macht Europa im 20. Jahrhundert eigentlich aus? Einige habe von einem kurzen Jahrhundert der Gewalt gesprochen, das die Zeit etwa von 1914 bis 1989 umfasste, andere suchten Erklärungen in einem "langen" Jahrhundert von 1880 bis an die Gegenwart heran. Aber es gibt gar nicht so viele Autoren, die sich darüber hinaus an eine Gesamtgeschichte des 20. Jahrhunderts gemacht haben. Auf einen Punkt gebracht: die meisten sehen ein Spannungsverhältnis von Gewalt und Fortschritt. Vor allem anglo-amerikanische Autoren haben derartige Ambivalenzen ausgemacht. Mark Mazower etwa erklärte den ganzen Kontinent zu einem "dunklen" (1999), Harold James (2003) sah zwischen 1914 und der Gegenwart Fall und Aufstieg, Dan Diner (1999) suchte eine Deutung mit fünf sektoralen Schnitten zu erreichen.

Konrad Jarausch hält alle bisherigen Etiketten für zu einfach und benennt für Europa im 20. Jahrhundert als durchgehende Charakteristik "modernity", Moderne, wie man mit leichtem Bedeutungsunterschied zum englischen Original übersetzen kann. Jarausch, in die USA zum Studium ausgewanderter Deutscher, der nach der Wende in Potsdam mit der Gründung des Zentrums für Zeithistorische Forschungen einen bleibenden Anker warf, liefert jetzt aus Chapel Hill eine Geschichte Europas im 20. Jahrhundert. Der vom Aufstieg des Vogels Phönix entlehnte Titel bezieht sich natürlich auf die Zeit seit 1945, eine Zäsur, die auch hier immer wieder vorkommt und ebenso oft schlüssig durchbrochen wird, um übergreifend erzählen zu können. Modernity meint eine explizite Vorstellung der Zukunft. Sie reicht aber weiter als die Modernisierungstheorien der Sechzigerjahre, als es darum ging, den Weg von modernen Gesellschaften in nicht-marxistischer Theorie zu bestimmen. Genau diese Prozesse beschleunigter Modernisierung setzten für den Autor etwa um 1900 ein. Der Begriff "modern" ist nicht eindeutig, er hat auch für Jarausch etwas Proteisches, also Zerfließendes, der unterschiedliche Formen annahm.

Politische Entwicklungen werden atemberaubend knapp, aber schlüssig skizziert

Jarausch erkennt primär drei konkurrierende Modelle der Moderne: das westliche, das faschistische und das kommunistische, bei denen er überraschenderweise auch den beiden Letzteren diese Qualität zubilligt. Selbstverständlich sind hier die gewaltsamen, kriegerischen und mörderischen Elemente dieser Staaten klar benannt, aber es geht ihm doch primär um die Hoffnungen und Wünsche der Menschen. Modernity wird auf diese Weise mit den unterschiedlichsten Epitheta versehen, nicht zuletzt mit liberal, demokratisch, sozial. Ein social engeneering, also die Schaffung eines neuen Menschen wurde gerade im kommunistischen Modell stark betont - mit all den stalinistischen Verbrechen, die dem geschuldet waren. Gerade für die Nationalsozialisten hat die Forschung seit Langem nicht das Archaische etwa der Rassenutopie betont, sondern gerade deren moderne Züge, einen "reaktionären Modernismus" (Herf) oder die Verbindung des Holocaust mit Techniken der Moderne (Bauman) sind hier hervorzuheben. Genau da knüpft Jarausch an. Für ihn gibt es kein Ausweichen vor der modern condition, die sich so vielfältig zeige. Überall gab es somit competing modernities, Modernen im Wettbewerb (ein Begriff von Shmuel Eisenstadt). Für die Gegenwart gelte, dass der Wandel zur postindustriellen und globalen Moderne in seinen Implikationen noch offen sei. Da fragt es sich, ob der Begriff der Moderne nicht insgesamt zu einem Synonym für die durch den technisch-industriellen Wandel geschaffene Dynamik steht, die sehr unterschiedliche Erscheinungsformen aufwies, die von menschenfreundlich bis massenmörderisch sein konnten und Europa - und nicht nur Europa - prägten.

Was gibt es im Einzelnen? Jarausch gliedert sein Buch klar in vier Zeitschnitte, jeweils vor und nach 1929, 1945, 1973. In seinen 28 Einzelkapiteln greift er geglückt sektorale bzw. nationale Entwicklungen heraus, die je mit einem treffenden Beispiel eingeleitet, sodann historisch eingebettet und im Verlauf dargelegt werden. Da gibt es etwa die demokratischen Hoffnungen (nach 1918), die stalinistische Modernisierung oder die (westeuropäische) wirtschaftliche Integration.

Der Autor schreibt mit Schwerpunkt politische Geschichte, die jedoch mit jeweils knappen Strichen gekonnt wirtschaftliche, soziale und kulturelle Perspektiven einbezieht. Manchmal werden große politische Entwicklungen atemberaubend knapp, aber schlüssig mit breitem Pinsel skizziert, dann wieder herrschen die anschauliche Aufzählung und der erhellende anekdotische Bericht. Das überzeugt kompositorisch, bietet selten ganz Neues, zeugt jedoch von einer überlegenen Beherrschung des Gegenstandes, mit der er bewundernswert bisherige Forschungen integriert. Schwächer sind die Ausführungen zur Dekolonisierung, wo zu wenig die Bedeutung (post)imperialer Machtdefinition vorkommt, aber auch die zu den beiden Weltkriegen; dem Holocaust ist ein eigenes Kapitel gewidmet.

Im Vergleich zu allen vergangenen Ambivalenzen von Moderne überwiegt bei Jarausch für die jüngste Vergangenheit ein vorsichtig optimistischer Blick in die Zukunft. Insgesamt scheint die Rolle - singulärer - Gewalt in den Weltkriegen, des entfalteten Zerstörungspotenzials im Ost-West-Konflikt wie es bei anderen Autoren stärker betont wird, zu kurz zu kommen. Dennoch: Jarausch legt einen großer Wurf vor, der zunächst einmal einem amerikanischen Publikum Europa erklärt, aber beileibe nicht nur diesem.

Jost Dülffer ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität zu Köln. Derzeit ist er Mitglied der Historikerkommission zur Erforschung der Frühgeschichte des Bundesnachrichtendienstes.