Gerichtsgutachten für NSU-Prozess Psychiater hält Zschäpe für voll schuldfähig

Laut einem Gutachten gibt es bei Beate Zschäpe keine Anhaltspunkte für eine relevante psychische Störung. Die mutmaßliche NSU-Terroristin soll sich trotz schwieriger Familienverhältnisse zu einer selbstbewussten, burschikosen jungen Frau entwickelt haben. Aber irgend etwas muss schief gegangen sein.

Die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe ist nach Ansicht eines Gerichtsgutachters voll schuldfähig. Zu diesem Schluss komme der Psychiater Henning Saß vom Universitätsklinikum Aachen in seinem Gutachten für das Oberlandesgericht München, berichtete die Bild am Feiertag. In der 71-seitigen Expertise sehe der Mediziner bei Zschäpe keine Anhaltspunkte für eine relevante psychische Störung. Offen lasse er, ob Zschäpe als so gefährlich einzustufen sei, dass eine Sicherungsverwahrung notwendig werde.

Im Vorfeld des Prozesses hatte sie eine Untersuchung durch einen psychiatrischen Gutachter abgelehnt. Deshalb musste sich Saß bei seinem Gutachten auf Ermittlungsunterlagen und Zeugenaussagen stützen. Der Mediziner hat schon in spektakulären Fällen wie dem Mord an Rudolph Mooshammer die Täter-Psyche untersucht.

Laut Zeitungsbericht hat Saß in seinem Gutachten den Lebensweg der Angeklagten nachgezeichnet - besonders die schwierige Kindheit. So ließ ihre Mutter sie gleich nach der Geburt im Januar 1975 zurück bei der Großmutter in Jena, um in Rumänien ihr Zahnmedizin-Studium fortzusetzen, heißt es in dem Bericht. Gutachter Saß schildert das Mutter-Tochter-Verhältnis als weitgehend zerrüttet. Auch der Vater, zeigte nach den Erkenntnissen aus den Ermittlungen nie Interesse an der Tochter und hatte wohl auch keinen Kontakt zu ihr.

Trotz der schwierigen Familienverhältnisse habe sich Zschäpe zu einer lebhaften, selbstbewussten und burschikosen jungen Frau entwickelt, stellte Saß fest. Anerkennung und Freunde habe sie in ihrer Jugendclique in Jena gefunden, in der sich ein extremer Ausländer- und Judenhass entwickelte. Dort lernte sie auch Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt kennen, mit denen sie später fast 14 Jahre lang im Untergrund lebte.

Den drei jungen Leuten sei es gelungen, trotz wechselnder Intimbeziehungen eine funktionierende Dreiergruppe zu bilden. Gutachter Saß geht dem Bericht zufolge davon aus, dass Zschäpe die radikale Gedankenwelt von Mundlos und Böhnhardt geteilt hat. Hinweise auf Bedenken oder Zweifel der 38-Jährigen an den schrecklichen Mordtaten der beiden Terroristen habe er nicht feststellen können.

Zschäpe, einzige Überlebende des NSU, wird die Mittäterschaft an zehn rassistisch motivierten Morden sowie Anschlägen der Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) vorgeworfen. Sie sitzt seit Ende 2011 in Untersuchungshaft. Bislang hat die 38-Jährige zu den Vorwürfen geschwiegen und will nach Angaben ihrer Verteidiger auch vor Gericht keine Aussage machen.