sueddeutsche.de: Kann Obama für Entspannung zwischen Russland und Amerika sorgen?
Anzeige
Ruge: Das muss man abwarten. Bisher hat der neue US-Präsident zum Beispiel in Bezug auf das Raketenabwehrschild erklärt, erst mal prüfen zu wollen, ob es überhaupt funktioniert. Er ist auf alle Fälle moderater als John McCain. Aber momentan kann man nur spekulieren, wie die amerikanische Russlandpolitik aussehen wird, wenn sie überhaupt schon formuliert wurde.
sueddeutsche.de: In vielen Bereichen wie Afghanistan oder dem iranischen Atomprogramm könnte Amerika russische Unterstützung brauchen.
Ruge: Absolut. Putin hat nach den Anschlägen vom 11. September die Bush-Regierung sehr unterstützt und den USA erlaubt, Stützpunkte in Zentralasien zu errichten. Später fühlte er sich ausgenutzt und sah diesen Schritt nicht ausreichend gewürdigt. Das ist sicher nicht Obamas Ziel. Aber seine Experten, allen voran Außenministerin Hillary Clinton, stehen eher für einen konfrontativen Kurs gegenüber Russland. Man wird sehen, was da kommt.
sueddeutsche.de: Sie haben 1961 die deutsche Sektion von Amnesty International mit gegründet. Der Doppelmord an dem Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow und seiner Begleiterin, der Journalistin Anastasija Baburowa muss Sie besonders schockieren.
Ruge: Natürlich. Aber das Seltsame an dem Fall ist, dass es niemand gewesen sein will. Ich glaube nicht, dass es Befehle von Putin gab, Markelow oder Politkowskaja umzubringen. Aber es herrscht eine Stimmung, die dazu beiträgt, dass so etwas geschehen kann. In der Armee waren viele verbittert über den Anwalt, der angeblich das Ansehen der Soldaten beschmutzt.
Es ist bemerkenswert, dass die Justiz in diesen Fällen ein so schlechtes Bild abgibt - genau so war es beim Prozess gegen Yukos-Gründer Michail Chodorkowskij. Es zeigt, wie unorganisiert es in Russland zugeht. Wir denken hier, dort sei alles unter Kontrolle, doch es gibt mehr Unsicherheit und Unklarheit, als wir denken.
sueddeutsche.de: Sie zeigen in Ihrem Buch, dass die Schwäche des russischen Rechtsstaats ihre Wurzeln weit in der Vergangenheit hat.
Ruge: Gewisse Strukturen gehen noch auf die Herrschaft von Iwan dem Schrecklichen im 16. Jahrhundert zurück. Etwa die Art, wie der Staat Gerichte behandelt, sich in Prozesse einmischt oder der Einfluss des Geheimdiensts. Daher rührt auch die Bedeutung der Führungsfigur, sei es nun der Zar, Stalin oder vielleicht auch Putin heute.
Auch der Zentralismus und die Abwesenheit von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie im westlichen Sinne taucht immer wieder auf. Und die Ängste der Russen, dass die westlichen Mächte sie klein halten wollten, gibt es seit Jahrhunderten.
sueddeutsche.de: Man muss also die Geschichte kennen, um das heutige Russland zu verstehen.
Ruge: Es hilft sicherlich. Mir ging es auch darum, einige alte Vorstellungen zu korrigieren. Viele denken, die Russen seien Hinterwäldler gewesen, die irgendwo in der Steppe lebten und vor sich hin vegetierten, wenn sie sich nicht gerade umbrachten. Dabei war das erste russische Reich, die Kiewer Rus, im 10. und 11. Jahrhundert sehr viel reicher und besser organisiert als das deutsche Kaiserreich mit seinen kleinen Staaten. In Deutschland glaubten nicht nur die Nazis, die Wikinger hätten dieses russische Reich geschaffen.
sueddeutsche.de: Reich waren die Herrscher aus Kiew auch.
Ruge: Als einmal Staatsbesuch aus Kiew kam, brachten die Gesandten so wertvolle Geschenke mit, dass der Kaiser damit drei Jahre lang Krieg führen konnte. Eine hochgebildete und elegante Prinzessin aus Kiew wurde damals mit dem Grafen aus Stade und nach dessen Tod mit Kaiser Heinrich IV. verheiratet.
sueddeutsche.de: Wann waren Sie zuletzt in Russland?
Ruge: Im November und ich fahre nun wieder hin, um einen Film zu drehen. Im Umkreis von 100 Kilometern rund um Moskau gibt es eine ungeheure Vielfalt: Sie finden Wölfe und Bären, es gibt Hochschulen und Militärakademien, Fabriken aller Art und daneben Dörfer ohne Strom und Gas, aber auch Luxusvillen. Auf diesem kleinem Gebiet gibt es alles, was es im Riesenreich gibt und so lässt sich vielleicht die russische Befindlichkeit von Heute zeigen.
sueddeutsche.de: Sie kamen als erster deutscher Korrespondent nach Moskau und haben 15 Jahre dort gelebt. Was denken die Russen über Deutsche und Deutschland?
Ruge: Ich habe nie, auch damals 1956, eine Art Deutschenhass gespürt, trotz des Krieges. Damals war es für uns in Holland oder England schwieriger. Die bilateralen Beziehungen waren mit Moskau ja selten ganz schlecht, Deutschland galt als potenzieller Partner. Als das Erdgas-Röhren-Geschäft in den siebziger Jahren anfing, kamen große Bedenken nicht nur aus den USA sondern es gab sie auch in Moskau: die UdSSR könnte zu abhängig werden von deutschen Unternehmen. Aber es kam manchmal zu skurrilen Erlebnissen: Ich habe einmal in Weißrussland auf einem Marktplatz gedreht. Hinter mir unterhielten sich zwei alte Männer. Der eine wollte wissen, was los sei und der andere antwortete: "Nichts besonderes, die Faschisten drehen einen Film." Aber das klang eher freundlich oder neutral.
sueddeutsche.de: Und heute?
Ruge: Wir Deutschen sind uninteressanter geworden, vor allem für die Jüngeren. In den siebziger und achtziger Jahren war Deutschland für die Intellektuellen ein Fenster nach Europa, doch das hat seit 1990 nachgelassen. Deutschland ist noch wichtig, aber ein Land unter vielen möglichen Partnern. Aber das hat ja vielleicht sein Gutes.
Das aktuelle Buch "Russland" von Gerd Ruge kostet 18 Euro. Es ist in der Reihe "Die Deutschen und ihre Nachbarn", die von Altkanzler Helmut Schmidt und Altbundespräsident Richard von Weizsäcker herausgegeben wird, im C.H. Beck Verlag erschienen.
Sie sind jetzt auf Seite 4 von 4
- Finanzkrise und die Folgen Russische Prüfung 04.02.2009
- Abkehr von Raketenplänen Die russische Charme-Offensive 28.01.2009
- Schröder wirbt für Moskau Der Traum vom großen Trio 28.01.2009
- Gas-Streit "Moskau nutzt seine Energie nicht als Waffe" 09.01.2009
- Russland: Reaktion auf Obama Sanfte Töne aus Moskau 28.01.2009
(sueddeutsche.de/jja)
Müll am Fluss
Das ganze erinnert mich an Karl May´s Bücher über den wilden Westen. Diese findet auch die ganze Welt toll und wahrhaftig, bis auf die Bewohner des wilden Westen. Warum wohl? Weil Karl May die Bücher in seinem Wohnzimmer geschrieben hat und den wilden Westen nur aus Hörensagen kannte, genau wie sein Zielpublikum.
Die Wahrheit ist doch so öde und anstrengend.
Gerd Ruge hat Russland bereist, ich bitte diese bei der Kritik des Interviews immer im Auge behalten.
Herr Ruge ist zwar kein Russlandhasser, aber seine Meinungen sind auch bischen einseitig. Desswegen ein Paar Richtigstellungen:
Als er vor dem Bundestag 2001 auf Deutsch eine Rede hielt, erinnerte Sie das an die Begeisterung für Michail Gorbatschow.
Diese Begeisterung war nicht da, man hat den Russen damals im Parlamentsversammlung des Europarats die Stimmrechte abgenommen. Wir können diskutieren warum, aber eine Begeisterung war nicht da...
er dazu neigt, die russischen Machtmöglichkeiten sehr deutlich zu demonstrieren. Das wurde im Georgien-Krieg deutlich,
Hätte Putin Tbilisi besetzt, das wäre eine Machtdemonstration niemand könnte es verhindern. Aber er neigt dazu nicht....
Putin ist so populär, weil sich in seiner Amtszeit durch den Anstieg der Rohstoffpreise die Einkommen der Bürger... verbessert haben.
Jelzin könnte noch mehr Einnahmen haben (durch Privatisation von Vermögen im Hunderten von Milliarden USD), wenn er nicht das alles an seine Berater verschenkt hätte. Putin hat das Geld dem ganzem Land gewidmet. Dank Putins kluger Finanzpolitik wird die KP die Parlamentswahlen nicht gewinnen, wie es in den 90er wegen Jelzins liberalen "Wirtschaftsexperten" passiert ist.
bleibt ihm nur der Weg in einen ausgeprägten Polizeistaat
Die Hassprädiger nennen Russland schon heute ein Polizeistaat, auch wenn Putins Politik immer noch mehr Rechtssicherheit bietet als in den 90er, viele Privatisationsmafiosi hinter Gittern sitzen und die Wille des Volkes sich in der Politik mehr abblitzt als zu Jelzins Zeiten.
Man lag nicht weit auseinander und dann forderte Moskau plötzlich mit 450 Dollar fast das Doppelte.
Der Preiss (250 USD Vorzugspreiss) wurde schon ausgehandelt zwischen Putin und Timoschenko, aber Juschtschenko hat am 31.12.08 der Timoschenko Unterschrift verboten, um noch bessere Preisse auszupressen. Weil nichts ausgehandelt wurde, hat Moskau übliche Europapreisse verlangt ...Hat der Juschtschenko nicht nur versucht, seine 7% Wahlpreferänz zu erhöhen?
Baltikum: Da besteht immer noch die Gefahr, dass in Russland der Wunsch entsteht, das zurückzuholen,...
Im Baltikum (Estland, Lettland) herrschen doch heute die Gesetze die an Benes-Dekret Nr. 33/1945 über Staatsbürgerschaft errinnern. Es kann nicht wundern, dass es die Russen nicht freut... Da sollten zu mindest die Menschenrechten zurückgeholt werden.
Michail Saakaschwili hat sicherlich seine Karten überreizt, als er Südossetien angegriffen hat und darauf hat M
Es ist schon ein wahrer Schildbürger, der DAS Schutzschild hat. Das ist zwar Besserwisserei, wäre aber verständliches Deutsch.
Gut das ist richtige und falsche Deutsche gibt, wenn Ruge der erste DEUTSCHE Korrespondent in der Sowjetunion war. Der erste? Das Wonach ist wohl unwichtig? Wer ist und wer darf Deutscher sein?
Russland ist nicht mehr und nicht weniger Demokratie als beispielsweise Lettland, wo eine kritische Öffentlichkeit mit ihrer Abwesenheit glänzt und SS-Leute, die jetzt endlich ihre deutschen Pensionen bekommen, die Straße entlangwandeln. Und wo deutsche Parlamentsvizepräsidenten in privaten Museen die Leugnung der Ermordung der lettischen Juden zumindest dulden (Okkupationsmuseum Riga 1940-1991).
Die kritische Öffentlichkeit fehlt Russland auch. Die Wahlen sind frei und geheim, aber leider interessiert sich keiner dafür. Wenn Kasparow im Westen erzählt, dass das Land sowieso zusammenbricht, regt das die Menschen in Russland ohnehin eher auf.
Leider wird auch in der deutschen Presse aus Unkenntnis oder alter antikommunistischer Borniertheit viel über Russland gelogen. Das trägt auch nicht zum Gewinnne kluger Köpfe dort bei. Herr Ruge gehört ausdrücklich nicht zu den Lügnern.
Ein Berichterstatter, der plant, im Umkreis von 100 km um Moskau Filmaufnahmen zu machen, muss mit den Wölfen heulen, oder bekommt keine Erlaubnis dazu. Abgesehen davon, schließt dieser winzige Radius nicht einmal St. Petersburg, geschweige denn Wladivostok mit ein, ist also kaum repräsentativ für ganz Russland. Wer im Umkreis von 100 km um Berlin filmt, kann doch kaum behaupten, er habe Deutschland gefilmt.
Gerd Ruge erkennt nicht, dass beide Seiten was verloren haben. Die Oligarchen des Westens, die Politiker, vor allem die Falken der NATO und die neoliberale Bewegung. Damit meine ich weniger die ökonomische sondern mehr die politsche Bewegung. Die Ukraine würde bei sofortigen Wahlen den proRussen wählen. Den Georgiern stinken schon die Versprechungen der US-Marionette. Kirgisien treibt sich gerade die US-Basis aus. Russlands Faustpfand Pridnjestrovlje, um Moldawien in Schach zu halten, ist nach der sehr sehr sehr professioniellen Schlacht gegen die Diktatur in Georgien stabiler den je. Ja Russland baut seine Interessen noch wieter aus und erreicht durch Megaprojekte wie der South Stream Pipeline eine sehr sehr prorussische Athmosphäre in Bulgarien. Serbien ist ebenso nur mit einer künstlichen und manipulierten Mehrheit auf Westkurs. Montenegro der Zugang an die Adria, den man schon seit jeher von britischer und allgemein westlicher Seite verhindern will ist offner als eine brünftige Studentin.
Fazit: Russland baut seine Interessen aus. Es erweitert seine Position und erschließt neue Märkte. Der ganze Verstaatlichungsschrott im Westen dient nur dazu sich vor den Russen und anderen Schlauen, die rational gewirtschaftet haben, bzw. die beim Big Bang an der Börse als SIEGER hervorgegangen sind die Tore zu verschließen. Irgendwannmal kann man keine neuen Spielchen erfinden und man muß sich dem Wettbewerb stellen oder Zusehen wie der eigene Staat auseinanderbricht.
Der Westen bot seine freie und zügellose Wirtschaft als Braut an, der Russe und andere sparten um diese einzunehmen, jetzt kommt die Stiefmutter intranationale "Gerechtigkeit" und schließt sie in einen Turm. Diese verliert immer mehr ihren Reiz und stirbt.
Russland baut ab? Unruhen? Lieber mal unter den eigenen Rock schauen.
Paging