Von Oliver Bilger, Gori

Im georgischen Gori, der Geburtstadt Stalins, hat der Krieg nur kurz vorbeigeschaut - doch noch heute lebt die Erinnerung an den Tag, an dem die Bomben kamen.

9. August 2008, Gori in Georgien. Russische Militärflugzeuge jagen über die Stadt, in der knapp 45.000 Menschen leben. Eine Militärbasis am Stadtrand ist ihr Ziel. Die Bomben treffen auch Wohnhäuser, Zivilisten sterben.

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(© Foto: Reuters)

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Auch in drei großen Wohnblocks am nördlichen Stadtrand explodieren Bomben. Hier kommen 14 Menschen um, Dutzende werden verletzt. Die drei Wohnblocks stehen in und im Umfeld der Suchischwili-Straße. Trümmerteile liegen noch heute über dem Hof vor der Straße verstreut. An den Nachbargebäuden sind Fassaden abgerissen, die Wände schwarz verrußt. Mittlerweile sind die zerstörten Häuser wieder aufgebaut, die beschädigten Wohnblocks renoviert. Die Wände sind blau, weiß und beige gestrichen.

Dass hier der Krieg zuschlug, ist allenfalls an den schwarzen Trauerkleidern zu erkennen, die viele Frauen auch ein Jahr nach dem Tag, der ihren Lieben den Tod brachte, immer noch tragen.

Von der Grenze der abtrünnigen Region Südossetien setzen am sich am 8. August 2008 russische Truppen Richtung der georgischen Hauptstadt Tiflis in Bewegung. Zuvor hatten georgische Soldaten Südossetien angegriffen.

Die russischen Truppen trieben die Georgier in die Flucht und drangen ins Kernland vor. Gori lag dabei auf dem Weg. Ein Autostunde ist es von hier, der Geburtstadt Stalins, bis nach Tiflis. Der Krieg schaute hier nur kurz vorbei. Doch die Opfer sind nicht vergessen.

In einer kleinen Bücherei in einem der vor einem Jahr bombardierten Häuser an der Suchschwili-Straße treffen sich an diesem heißen Sommertag überlebende Frauen aus den angegriffenen Wohnblocks. Die Wände sind frisch verputzt, jemand müsste jetzt die Regale einräumen, doch die Bücher stehen noch in Kisten verpackt in einer Ecke. Die Frauen wollen sich an den Tag erinnern, als die Bomben kamen.

Zizino Kuschaschwili hörte zuerst die Flugzeuge, dann einen lauten Knall. Die 60-Jährige rannte aus dem zweiten Stock auf den Hof. Dort musste sie sehen, wie ein zweites Geschoss einschlug. Die Bombe tötet ihre Tochter Maya, der Enkelsohn wurde verletzt. Heute lehnt dort eine Bank an einen Baum, als wäre nie etwas geschehen.

Kuschaschwili sitzt ein Jahr später in dieser Bücherei, ganz in Trauer gekleidet: ihr Rock, ihr T-Shirt, selbst ihr Haarband ist schwarz. Gemeinsam lebte sie mit ihrer Tochter und ihrem Enkel in der kleinen Wohnung in der Suchischwili-Straße. Jetzt zieht sie ihren Enkel Giwiko alleine groß.

Die Stimme der Frau klingt aufgeregt und wird immer ein bisschen lauter, wenn sie von diesem Tag erzählt. "Immer wenn ein Flugzeug über uns hinwegfliegt, haben wir Angst", sagt sie. Sie zittere dann am ganzen Leib.

Auch die anderen Frauen in der Runde trauern noch. Liana Gasaschwili, 50, um ihren Sohn Andro. Die junge Ketewan Nonadse verlor ihre Schwiegermutter Tasia. Deren Sohn kämpfte in der georgischen Armee gegen die Russen, war auf dem attackierten Militärstützpunkt postiert. Er bekam mit, dass in seinem Wohnviertel die Bomben einschlugen und rannte nach Hause. Helfen konnte er nicht mehr.

Und doch: Bei allem Schrecken und allen Verlusten - der Krieg vermochte keinen neuen Hass zu säen zwischen Russen und Georgiern. Wer sich in Georgien umhört, wird Schwierigkeiten haben, einen Georgier zu finden, der etwas Schlechtes über die Russen in seinem Land sagt. Das gilt auch hier, in der Suchischwili-Straße.

Zizino Kuschaschwili ist später noch mit einer Nachbarin verabredet. Sie hat Serafima Meladse in ihre Wohnung eingeladen. Die 78-Jährige ist Russin, wurde in der Nähe von Moskau geboren, heiratete einen Georgier und zog nach Gori. Seit 40 Jahren lebt sie mit ihrem blinden Gatten in Haus Nummer 12, ein Stockwerk unter Zizino Kuschaschwili.

Die beiden Frauen haben die Erinnerung an den Tod stets vor Augen. Zizino Kuschaschwili hat in ihrem kleinen Wohnzimmer einen Schrein für ihre Tochter Maya aufgebaut. Zwischen Sofa und Esstisch steht die kleine Anrichte, darauf Bilder und Blumen, um an die Verstorbene zu erinnern.

Die Frauen sprechen über den Krieg. Wer für die Gewalt verantwortlich sei? Gewiss nicht die einfachen Russen und Georgier, sind sich die Rentnerinnen einig. "Wir hatten schon immer großartige Beziehungen", sagt Serafima Meladse. Krieg und Gewalt - "das ist doch alles Politik."

Seit einigen Tagen hat sich die Lage im Südkaukasus wieder verschärft. Georgische Soldaten und südossetische Milizen werfen sich gegenseitig Mörserangriffe vor. In ihrer Nachbarschaft befürchten viele, dass es erneut zu einem heftigen Gewaltausbruch kommen wird, erzählt Serafima Meladse.

Sie teilt die Sorge nicht: "Ich sage ihnen: Habt keine Angst. Es wird nicht noch einen Krieg geben."

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(sueddeutsche.de/kler/lala)