Massaker von Srebrenica An der Wahrheit führt kein Weg vorbei

Massengrab ermordeter Muslime nahe Srebrenica im Herbst 1996.

(Foto: REUTERS)

Vor fast 20 Jahren töteten bosnische Serben Tausende Muslime in Srebrenica. Bis heute scheitert Serbien an der Aufgabe, das Massaker als Völkermord anzuerkennen.

Kommentar von Nadia Pantel

Überall in Bosnien hängen in diesen Tagen große Plakate, die eng mit Zahlen bedruckt sind. Es sind die Abfahrtszeiten für die Busse, welche die Trauernden nach Srebrenica bringen werden: 04:15, 04:30, 04:45, 05:00 Uhr. Dicht getaktet von der Dämmerung bis zur Mittagszeit. Zehntausende werden am 11. Juli nach Ostbosnien fahren.

Dort haben Bagger damit begonnen, neue Gräber auszuheben. 20 Jahre sind vergangen, seit etwa 8000 bosnische Muslime in Srebrenica hingerichtet wurden - und noch immer sind nicht alle Toten geborgen. Forensiker untersuchen Massengräber, um aus verstreuten Knochen Leichen zu konstruieren, die beerdigt werden können. 53 neue Grabsteine werden dieses Jahr aufgestellt.

Eine Viertelstunde Autofahrt von den Gräbern entfernt, auf der anderen Seite der Drina, liegt Serbien. Hier fehlen nicht nur die Plakate und die Busse, hier fehlen auch klare Worte. Er sei bereit, die Trauerfeier am 11. Juli zu besuchen, sagte Serbiens Präsident Tomislav Nikolić vor einer Woche. Doch weder er noch andere Mitglieder der serbischen Regierung sind bereit, das Wort auszusprechen auf das die Muslime seit Jahren warten: Völkermord.

Die Wahrheit muss man ertragen

Dabei fällte der Internationale Gerichtshof bereits 2007 sein Urteil: Der Mord an den Männern von Srebrenica, unter ihnen Greise und auch Kinder, war nicht einfach nur eine weitere Grausamkeit im Bosnien-Krieg. Es war ein von bosnischen Serben genau geplanter Genozid, bei dem 8000 Menschen in Akkordarbeit erschossen wurden.

Die niederländischen Soldaten der UN-Schutztruppe scheiterten damals an der Aufgabe, die Zivilisten zu beschützen. Serbien scheitert heute an der Aufgabe, das Ausmaß des Leides anzuerkennen, das den bosnischen Muslimen durch die bosnischen Serben angetan wurde. Eine geplante UN-Resolution, die das Leugnen des Genozids verurteilt, wird von Serbiens Regierung abgelehnt. Die Hervorhebung muslimischer Opfer behindere den Versöhnungsprozess, so Serbiens Präsident.

Als das Unvorstellbare passierte

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Natürlich gilt die Sturheit der serbischen Regierung nicht für die gesamte Gesellschaft. Nicht weit von Srebrenica, im bosnischen Tuzla, leben heute Serben, Muslime und Kroaten unaufgeregt miteinander. Jugendcamps bringen die Kinder der ehemaligen Feinde zusammen. Und in Belgrad organisieren Menschenrechtler eine Solidaritätskundgebung für die Opfer von Srebrenica.

Auf Facebook und Twitter fordern sie unter dem Schlagwort #7000 Serben dazu auf, sich am 11. Juli vor das Parlament in Belgrad zu legen und dadurch an die beinahe 7000 Toten zu erinnern, die bislang gefunden wurden. Dennoch: Etwas läuft falsch, wenn das einzige öffentlich wahrnehmbare Friedenssignale aus Serbien bislang nur ein Hashtag ist.

Wenn Europa überhaupt auf den Balkan schaut, dann mit Ungeduld. Warum ist der Friedensprozess im ehemaligen Jugoslawien so zäh? In dieser Ungeduld liegt etwas Anmaßendes, gerade wenn sie aus Deutschland kommt, dem Land das Jahrzehnte über seine Täterschaft schwieg.

Auf die Toten folgte die Not

In Serbien und Bosnien-Herzegowina wattiert kein Wirtschaftswunder die Erinnerung an den Krieg. Auf die Toten folgte die Not: Je nach Region sind zwischen 20 und 60 Prozent der Bevölkerung arbeitslos, die Löhne liegen im Durchschnitt bei 400 Euro im Monat; wer jung ist, wandert aus.

In dieser Perspektivlosigkeit findet das nationalistische Rumoren der Politiker besten Widerhall. Zudem brachte das Abkommen von Dayton 1995 nicht nur Frieden, sondern es zementierte auch die ethnischen Identitäten. Die Frage, ob jemand Serbe, Bosniake oder Kroate ist, bestimmt nicht nur die Vergangenheit, sondern auch den heutigen Alltag in Schulen und Behörden. In so einem Klima werden die Toten nicht einfach betrauert, sie bleiben ein politisches Unterpfand.

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