Von Kurt Kister

Viele Politiker sind besessen von ihrem Beruf und verkraften den Verlust von Aufmerksamkeit kaum

(SZ vom 7.6.2003) - Der Tod von Jürgen Möllemann hat am Donnerstag wie ein Blitz in die Berliner Politikmaschine eingeschlagen. Nachdem sich die Nachricht verbreitet hatte, kam das Räderwerk für kurze Zeit zum Stehen. Man sah allseits betroffene Mienen, auch weil Möllemann vielen Politikern, Politikhelfern und Journalisten persönlich bekannt war. Wenn man auch nur ein paar Jahre beruflich zwischen Regierung, Bundestag und Parteizentralen zu tun hatte, war es schwierig, Möllemann nicht kennen zu lernen. Er gehörte zu jenem Politiker-Typus, der Überzeugungen und Erkenntnisse der Umwelt aufdrängt.

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Aber es war nicht nur die Tatsache, dass da einer plötzlich aus dem Leben getreten ist, den etliche im hiesigen Betrieb gut und sehr viele zumindest ein wenig kannten. Nein, die Betroffenheit wurde wohl noch durch etwas anderes ausgelöst.

Möllemanns spektakulärer Tod ist für viele Angehörige der politischen Klasse ungefähr das, was im alten Rom für einen siegreichen Feldherrn während des Triumphzuges jener Satz war, den der im Streitwagen stehende Begleiter dem Triumphator ab und an ins Ohr flüsterte: Bedenke, dass Du sterblich bist - auch Du.

Möllemann war der Prototyp einer bestimmten Spezies (fast ausschließlich westdeutscher) Politiker, die ihrem Beruf so gut wie alles unterordnen mit Ausnahme der eigenen Persönlichkeit. Sie werden getrieben, wie es der Spiegel genannt hat, von der Droge Politik.

Sicher, es gibt im Leben dieser Menschen auch gelegentlich noch etwas anderes, manchmal ein Hobby, hin und wieder sogar eine intakte Familie. Wer es aber in Fraktion, Regierung oder Partei schaffen will, der muss so viel Kraft, Zeit und Ehrgeiz in diesen Prozess investieren, dass die Politik den entscheidenden Teil der Psyche beherrscht und die Physis beansprucht.

Je mehr Berufspolitiker dann noch von ihrem Ego getrieben werden, je stärker sie davon überzeugt sind, dass ihre individuellen Fähigkeiten den Unterschied machen, desto größer ist die Gefahr, einer deformation professionelle anheim zu fallen.

Dies trifft nicht nur für Politiker zu, sondern auch für viele Trittbrettfahrer der Politik - Parteileute, Referenten, Imagebastler, Journalisten. Wer in einer Welt lebt, in der man sich unablässig gegenseitig der eigenen Wichtigkeit versichert, der muss allmählich das Gefühl bekommen, er sei auch wirklich wichtig. Für den Typus Möllemann gibt es kaum etwas Schlimmeres, als plötzlich nicht mehr wahrgenommen zu werden.

Um Wahrnehmung zu erzwingen, hat die Generation Möllemann die Eventisierung der Politik vorangetrieben. Sie beginnt bei den normalen Mitteln (Pressekonferenz, Fototermin), setzt sich über vor allem visuell interessante Albernheiten fort (der Kanzler empfängt die Sternsinger) und geht hin bis zum Auftritt in der TV-Vorabendserie oder bis zum temporären Bezug eines blau-gelben Wohnmobils.

Für diese Öffentlichkeitsarbeit wird es zunehmend egal, warum ein Politiker irgendwo ist, Hauptsache, er ist irgendwo. Möllemann hat diese Prinzipien bis zum Extrem betrieben. Aber viele seiner Kollegen von Guido Westerwelle über den Senior-Eventisten Norbert Blüm bis hin zum Bundeskanzler ("Hol' mir mal ne Flasche Bier, sonst streik ich hier") sind ebenfalls starke Anhänger der Politik-als-Inszenierung-Schule.

Allerdings ist in jüngerer Zeit auch deutlich zu beobachten, dass die inszenierte Politik auf größeren Widerwillen "draußen im Lande" stößt. In, zumindest wirtschaftlich, als ernst empfundenen Zeiten wird der oft vordergründige Charakter der Politik durch Eventmanagement als unpassend empfunden.

Der eindeutige Fehlschlag des auf Möllemann zurückgehenden Projekts 18 der FDP ist ein Beleg dafür. Ein anderer Beweis liegt in dem anhaltenden Versuch führender Vertreter der egozentrischen Politik, ihre öffentliche Wahrnehmung zu verändern. Die Zeiten, in denen Schröder sich als Brioni-Dressman mit 40-Euro-Zigarre ablichten ließ, sind vorbei, und der Staatsmann Schröder möchte sie heute am liebsten vergessen machen.

Auch Westerwelle präsentiert sich jetzt als der Parteimanager mit dem kühlem Charme des Entscheiders und nicht mehr als Strandbubi in blaugelben Shorts wie im August 2002.

Es mag sein, dass jenem Stil, den Möllemann in extremis gepflegt hat, nun ein ähnliches Schicksal beschieden ist wie der New Economy. Wäre Hans Eichel nicht vom Stigma des Misserfolgs gezeichnet, könnten er und seinesgleichen vielleicht jenen Politikertyp verkörpern, den die Imageberater in näherer Zukunft in den Vordergrund schieben werden. Dies könnte auch eine gute Nachricht sein für alle, die sich noch im vergangenen Jahr verzweifelt bemüht haben, entgegen ihrer Persönlichkeit bemüht locker zu sein: Die Konjunktur mag sich wieder hinbewegen auf die Merkels, Münteferings, Stoibers.

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