Generalkonsul in Istanbul Der Fall Deniz Yücel: Chefsache für Georg Birgelen

Georg Birgelen, der Generalkonsul in Istanbul, hat den inhaftierten Journalisten Deniz Yücel besucht.

(Foto: picture alliance / AA)
  • Als erster Diplomat hat der deutsche Generalkonsul in Istanbul den Journalisten Deniz Yücel in Haft besucht.
  • Kein anderer hat sich in der Türkei so intensiv um den Korrespondenten gekümmert.
  • Von Präsident Erdoğans Gehabe lässt sich Birgelen nicht beeindrucken. Er ist an Belastungsproben gewöhnt.
Von Mike Szymanski

Für Georg Birgelen, Generalkonsul in Istanbul, ist der Fall des inhaftierten Welt-Journalisten Deniz Yücel so lange Chefsache, bis vielleicht von irgendwoher ein Chef eingeflogen kommt. Kein anderer Diplomat hat sich so intensiv um den Auslandskorrespondenten gekümmert. Bevor Yücel sich Mitte Februar aufs Polizeipräsidium begab, um die gegen ihn erhobenen Terrorvorwürfe zu entkräften, hatte er ein paar Wochen lang Zuflucht in der Sommerresidenz des Botschafters am Bosporus gefunden. In diesen Wochen versorgte Birgelen den 43-Jährigen nicht nur mit Zigaretten, sondern auch mit viel Zuspruch. Es ging darum, die Lage auszuloten. Das Außenamt wollte sicherstellen, dass Yücel ein faires Verfahren bekommt.

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Ob Ankara oder Moskau: Birgelen kennt sich mit Belastungsproben aus

Am Dienstag war Birgelen nun der erste Diplomat, der Yücel im Gefängniskomplex von Silivri besuchen durfte, wo er in Einzelhaft sitzt. Wochenlang hatten die türkischen Behörden das Treffen hinausgezögern, obwohl es Bundeskanzlerin Angela Merkel von höchster Stelle zugesagt worden war. Die Freude darüber, dass die türkischen Behörden sich endlich bewegten, war im Außenamt offenbar so groß, dass es nicht einmal Birgelens Rückkehr abwarten wollte, um den Besuch zu bewerten. Michael Roth, Staatsminister im Amt, erklärte Journalisten schon vorher, in welch einer großen Bewährungsprobe sich das deutsch-türkische Verhältnis befinde. Dabei hätte die Presse sicher gerne mehr aus erster Hand von Birgelen erfahren.

Der Spitzendiplomat, 61, und am Niederrhein geboren, kennt sich aus mit Belastungsproben. Bevor er 2015 nach Istanbul kam, war er ständiger Vertreter des Botschafters in Moskau. Das Gehabe eines "starken Mannes" kennt er aus dieser Zeit gut. In Istanbul erwartete ihn auch keine ruhigere Phase. Als ihm nach der umstrittenen Völkermord-Resolution des Bundestags zu den Verbrechen an den Armeniern das Grußwort an einer deutsch-türkischen Eliteschule verwehrt worden war, verließ er die Veranstaltung. Nach schlimmen Terroranschlägen in Istanbul war er derjenige, der im Kreis seiner Diplomaten-Kollegen am nächsten Tag Kränze niederlegte.

Erdoğans Nazivergleiche wollte er gar nicht kommentieren

Einmal fand er sich in einer wütenden Menschenmenge wieder, weil die Polizei meinte, die Diplomaten nicht schützen zu müssen. Auch das hat er überstanden, ebenso wie die Folgen des Putschversuchs im Juli 2016, die vor allem seinen Mitarbeitern lange in den Knochen steckten. Wenn Erdoğan mit Nazi-Vergleichen über Deutschland herzog, gab er auf Terminen Merkels "goldene Worte" als Antwort wieder: Das könne man gar nicht kommentieren. Nur für den Fall, dass jemand fragte.

Birgelen spielt Gitarre. Er hat den Ruf, ein ziemlich guter Musiker zu sein. Im Leben Nicht hieß seine Botschafts-Rockband zu Moskauer Zeiten. In Istanbul hat der Familienvater für Musik nicht viel Zeit. Im Generalkonsulat gibt es einen Partykeller, allerdings kaum noch Partys. So schnell wird sich daran wohl auch nichts ändern.

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