Gemeinde verkauft Schlaglöcher "Sogar die BBC will eins"

Großes Interesse an einer bizzaren Idee: Ein Bürgermeister in Thüringen will sowohl Straßen als auch die Gemeindefinanzen sanieren. Deshalb verkauft er Schlaglöcher.

Interview: Patrizia Barbera

Sie sind hässlich, führen mitunter zu Autounfällen und ganz fies wird es, wenn sie sich mit Wasser füllen und durch Eissprengung zu weiteren Straßenschäden führen: Schlaglöcher sind nicht gerade en vogue. Würde man denken.

Im thüringischen Niederzimmern, auf halber Strecke zwischen Erfurt und Weimar, verkaufen sich die klaffenden grauen Schandflecken jedoch wie warme Semmeln. Trotz der stolzen 50 Euro pro Loch. Bürgermeister Christoph Schmidt-Rose kam die Idee aus Mangel an Haushaltsgeldern, wirklich ernst gemeint war sie zu Beginn nicht. Inzwischen klicken sich Hunderte Interessenten durch das Angebot auf www.niederzimmern.de - und sogar internationale Kaufangebote trudeln ein.

sueddeutsche.de: Herr Schmidt-Rose, Sie verkaufen auf der Internetseite Ihrer Gemeinde Schlaglöcher für 50 Euro. Wie kamen Sie dazu?

Christoph Schmidt-Rose: Also eigentlich fing alles mit dem Ärger über die Schlaglöcher an. Viele Bürger kamen auf mich zu und fragten, wann wir das denn endlich mal machen. Im Haushalt war dieses Jahr dafür aber kein Geld. Als manche zum dritten Mal gefragt haben, hab ich gesagt - lass uns die doch einfach verkaufen!

sueddeutsche.de: Was hat man denn von so einem eigenen Schlagloch als Käufer?

Schmidt-Rose: Zuerst einmal natürlich das Schlagloch an sich, das ist ja schon mal was. Und dann natürlich die Plakette aus Metall. Entweder mit einem Schriftzug oder Wunschbild. Die kommt oben auf die Füllung drauf - als Widmung an den Käufer.

sueddeutsche.de: Und wie groß ist diese Plakette?

Schmidt-Rose: Circa so groß wie ein Zwei-Euro-Stück.

sueddeutsche.de: Könnte man sich auch dazu entscheiden, das Loch leer zu lassen, oder anderweitig zu verwerten?

Schmidt-Rose: Nein, das steht nicht zur Debatte. Wobei ich schon Anfragen in der Art hatte, nach dem Motto: "Ich kaufe eins, lass es aber offen, okay?". Das geht natürlich nicht. Man kauft nicht das Recht am Schlagloch, sondern das Recht auf eine Plakette, wenn man so will.

sueddeutsche.de: Ist die Nachfrage groß?

Schmidt-Rose: Sehr. Die Aktion läuft nicht mal drei Tage und wir haben schon Hunderte Besucher auf unserer Internetseite. Ganz konkrete Kaufangebote aus der Gemeinde gibt es auch schon.

sueddeutsche.de: Auf Ihrer Internetseite haben Sie eine Bilderauswahl der Schlaglöcher. Rufen Leute an und sagen "Ich hätte gerne Schlagloch sieben, das gefällt mir besonders"?

Schmidt-Rose: Bisher nicht. Wobei schon eine Anfrage dabei war, welches ich persönlich am schönsten fände. So als Kauftipp.

sueddeutsche.de: Wie viele Schlaglöcher haben Sie denn im Angebot? Muss man sich beeilen?

Schmidt-Rose: Die Anzahl der Schlaglöcher ist nicht begrenzt. Wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt, teeren wir einfach die ganze Straße zu und verteilen die Plaketten. Da kommt keiner zu kurz.

sueddeutsche.de: Die lokale Presse spekuliert bereits auf eine Verwandlung der Straße in einen "Walk of Fame" à la Hollywood. Wurden denn schon glamouröse Beschriftungsideen geäußert?

Schmidt-Rose: Bisher habe ich noch nicht viele Wünsche erhalten, das dauert noch, bis die mit den Überweisungen eingehen. Der Thüringer Innenminister, Peter Michael Huber, hat, um die gute Idee zu würdigen, allerdings schon eine bestellt - mit dem Aufdruck "Der Thüringer Innenminister".

sueddeutsche.de: Mussten Sie Wunschsignaturen auch schon ablehnen?

Schmidt-Rose: Noch nicht. Aber natürlich schreiben wir keine rassistischen oder unangebrachten Sprüche auf die Straße. Aber ich sag mal, wenn jemand da stehen haben will "Ich liebe den Mond" - von mir aus.

sueddeutsche.de: Sie werben nicht nur auf Deutsch mit dem Slogan "Teer muss her", sondern auch auf Englisch mit "We need Tar - buy your personal road hole". Hoffen Sie auf den internationalen Schlaglochmarkt?

Schmidt-Rose: Internationale Anfragen gab es schon - jedoch erst mal aus dem deutschsprachigen Ausland, also Österreich und der Schweiz. Aber ich habe auch schon eine Anfrage von der BBC erhalten.

sueddeutsche.de: Wenn sich die Zeichen der Zeit auch am Rathaus zu schaffen machen - kann man sich dann auch dort verewigen für 50 Euro?

Schmidt-Rose: Mal sehen, wie's läuft. Zunächst beschränken wir das mal auf die Straße, aber dann - wer weiß. Wobei sich so eine Idee ja meistens abnutzt nach dem ersten Mal.