Geheimdienste Der Tag, an dem es Nelken regnete

Ein mysteriöser Flugzeugabsturz bei Nürnberg: Vier Jahrzehnte später enthüllen die Panama Papers, was hinter dem Crash steckte. Offenbar stammte der Frachtflieger voller Blumen aus dem CIA-Schattenreich.

Von John Goetz, Antonius Kempmann und Hans Leyendecker

Endlich mal eine Panama-Geschichte mit einem in Teilen heiteren Beginn: Der Reichswald bei Nürnberg, einer der schönsten deutschen Wälder. Am Abend des 6. Mai 1974 hängen die Bäume voller Nelken, und der Boden ist auch mit Blüten übersät. Überall Nelken. Tausende, nein Hunderttausende. Sie sind buchstäblich vom Himmel gefallen.

Dann aber wird die Geschichte schon wieder düster und traurig.

Eine viermotorige Transportmaschine vom Typ DC6 war an diesem Tag in Nizza gestartet, an Bord neun Tonnen Nelken für den Muttertag. Fünf Kilometer vor der Landebahn des Nürnberger Flughafens stürzte das Flugzeug in den Wald. Alle drei norwegischen Besatzungsmitglieder kamen ums Leben. Das Flugzeug hatte sich beim Absturz in die Erde gebohrt. Erst zwei Tage nach dem Unglück konnten mithilfe eines Bergepanzers der Bundeswehr die Leichen aus dem Cockpit geborgen werden.

Als der Fall des "Nelkenbombers" ging der Absturz in die Lokalgeschichte ein.

Nach dem Unfall gab es einige Verwirrung. Sogar das normalerweise gut informierte Flugmagazin Flight International musste sich korrigieren. Das Blatt hatte zunächst berichtet, die DC6 sei eine Maschine einer isländischen Luftfrachtfirma gewesen, die zu Icelandair gehöre. Das stimmte nicht. Die Fluggesellschaft aus Reykjavík legte zu Recht viel Wert darauf, damit überhaupt nichts zu tun zu haben.

Die Auflösung des Falles findet sich 42 Jahre nach dem Absturz im Reichswald in den Unterlagen von Mossack Fonseca (Mossfon); die Daten der panamaischen Kanzlei erweisen sich als wahre Fundgrube für Skandale aller Art.

Das Unternehmen, dem das Flugzeug gehörte, hieß Fragtflug International und war im Schattenreich der amerikanischen Geheimdienste mehr als nur eine kleine Nummer. Die Gesellschaft verfrachtete Waffen aller Art in Gebiete, in denen die Central Intelligence Agency (CIA) und andere US-Dienste Waffen brauchten. Meist für paramilitärische Aktionen.

Die Mossfon-Unterlagen verraten, wer hinter der Firma steckte: Loftur Johannesson, genannt "der Isländer".

"Der Isländer" ist in der Geheimdienstwelt ein Begriff. Mindestens ein Vierteljahrhundert war er an wichtigen verdeckten Operationen amerikanischer Dienste beteiligt. Die CIA war die unsichtbare schmutzige Hand der amerikanischen Außenpolitik, aber niemand sollte erfahren, wer dahintersteckte. Dafür brauchte es Leute wie Johannesson. Vermutlich gibt es nicht viele Geheimnisse der CIA, die der Isländer nicht kennt.

Johannesson, Jahrgang 1930, war auf drei Kontinenten im Einsatz: in Afrika, in in Lateinamerika und in Asien. Auch in Vietnam ist Johannesson geflogen. Der gelernte Pilot kaufte und verkaufte Flugzeuge, er kaufte und verkaufte Waffen und wurde dabei ein sehr reicher Mann. Er besaß oder besitzt eine Villa in Frankreich, Apartments in London, ein Haus auf Barbados und ein Anwesen in Maryland, das er 1992 von der Milliardärsfamilie Du Pont gekauft hat. Er schuf früh ein Netz von Briefkastenfirmen bei Mossack Fonseca, von denen etliche immer noch aktiv sind. Mehr als ein Dutzend Unternehmen, die ihm zuzurechnen sind oder bei denen er der Co-Partner war, sind in den Unterlagen der panamaischen Firma vermerkt.

Johannesson, der als junger Mann für das Rote Kreuz flog, hatte sein Hauptquartier in London eingerichtet. Fast Tür an Tür arbeitete er mit dem Waffenhändler Adnan Kashoggi, der auch mit einigen Briefkastenfirmen in den Panama Papers auftaucht ().

Unter seinesgleichen gilt Johannesson als Erfinder einer besonders perfiden Geschäftsmethode: Absicherung von Waffentransporten durch Einschaltung von Hilfsorganisationen.

Johannesson war auch Partner des Waffenhändlers Ernst Werner Glatt. Der Deutsche war selbst in der Welt der Geheimdienste eine rätselhafte Figur. Manche halten ihn für einen Hitler-Verehrer, andere meinen, er sei Jude gewesen, was aber wohl nicht stimmt. Ein früherer Partner von Johannesson erzählte der SZ: "Er trennte sich von Glatt nach einem Streit über Geld. Jemand versuchte, Glatt zu töten, und daraufhin hatte Loftur Angst um sein Leben. Er wurde regelrecht paranoid."

Die Geschichte von Fragtflug ist also auch ein Stück alter CIA-Historie. Um sie zu verstehen, muss man in der Vergangenheit des Geheimdienstes kramen.

In den frühen 1970er-Jahren hatte der US-Geheimdienst eine eigene Luftfahrtabteilung: Air America. Ihr Motto: "Alles, überall, jederzeit - professionell". Angeblich handelte es sich um Privatfirmen; in Wirklichkeit gehörten sie der CIA. Das Zentrum der Aktivitäten lag früh in Laos. Der US-Geheimdienst führte einheimische Truppen im Kampf gegen den Vietcong an. Es gab aber immer wieder das Problem, dass die CIA nicht verbergen konnte, dass sie hinter vielen Luftmanövern steckte.

Fortan betrieb die Agency eine Doppelstrategie: Sie richtete heimlich neue Fluggesellschaften ein, aber charterte auch Maschinen. Johannesson war offenbar in diesem Netz ein fester Knoten. 1977 gründete er die Techaid International SA. Eine der profitabelsten Operationen der Firma soll die Beschaffung von Waffen gewesen sein, die dann mit Hilfe der CIA bei den Mudschahedin in Afghanistan landeten.

Ein Insider, der Loftur Johannesson bei Techaid kennen lernte, behauptet: "Loftur benutzte immer wohltätige Organisationen als Zugang zu einem Land. Er suchte nach Missionaren oder einer nicht staatlichen Hilfsorganisation. Wissen Sie, Gutmenschen. Er gab denen eine 1000-Dollar-Spende, und die verschafften uns dann Tarnung. Wir benutzen solche Organisationen, wo immer wir konnten. Skandinavier wie Loftur waren Meister darin."

Bei vielen CIA-Operationen war Westdeutschland eine wichtige Operationsbasis. Eine Weile hat Johannesson in Hamburg gelebt. Für eine britische Gesellschaft flog er von dort regelmäßig nach West-Berlin. Es gibt aber auch eine Spur, die nach Ostberlin führt. Und auch da kommt wieder Johannessons Firma Techaid ins Spiel.

Das Unternehmen machte in der DDR Geschäfte mit der Ostberliner Firma Imes, die zur Abteilung Kommerzielle Koordinierung (KoKo) des Ministeriums für Außenhandel der DDR gehörte. Die Abteilung sollte Devisen ranschaffen, und Imes machte das mit dem Waffenhandel.

Im Sommer 1984 kommt Johannesson erstmals nach Ostberlin. Mit dem Flugzeug. Er ordert Strela-Boden-Luft-Raketen samt Abschussgeräten, und der Transport ist kein Problem. Er ist mit einem Privatflugzeug angereist. Seine Firma wurde fortan bei Imes auf einer internen Liste als "Partner" geführt. Er kaufte Handgranaten, Kalaschnikows - alles in großen Mengen.

Seine Hausbank war damals ein Geldhaus in Zürich, über das, wie die Imes-Leute notierten, "viele seiner Geschäfte mit dem Nahen und Mittleren Osten, insbesondere mit Saudi-Arabien" abgewickelt würden. Ein Imes-Mitarbeiter eruierte seine Bonität und stellte fest, dass dieser zu den wichtigsten Kunden der Bank gehörte.

Etwas spät entdeckten die KoKo-Leute, dass mit diesem "Partner" etwas nicht stimmte. Johannesson hantierte bei seinen Bestellungen mit falschen Endverbraucher-Zertifikaten. Das gehörte eigentlich zum Standardprogramm internationaler Waffenhändler. Was angeblich nach Afrika oder sonst wohin verfrachtet werden sollte, landete in den USA: Nachdem Johannesson zwölf Militärfahrzeuge in der DDR gekauft hatte, fiel einem Auslandsagenten der DDR auf, dass diese Fahrzeuge bei der CIA gelandet waren: "Nach meiner persönlichen Auffassung stehen diese Waffen den USA für Erprobungszwecke zur Verfügung. Loftur ist nicht vertrauenswürdig", heißt es in einem Stasi-Dokument.

Die Verbindung brach ab.

Loftur Johannesson war Akteur bei einer verdeckten Operation, die als "Foreign Material Acquisition" (FMA) in die Geschichte des Pentagon eingegangen ist. Waffenhändler wie "Der Isländer" kauften in Bulgarien, Rumänien oder der DDR mithilfe einer ausgedachten Geschichte über den Bestimmungsort Kriegsgerät, das sie an die CIA oder andere Dienste schickten. Waffen aus Ungarn etwa wurden als "landwirtschaftliche Geräte" getarnt. Die Waffen landeten entweder in Ländern wie Afghanistan, Haiti oder Paraguay oder wurden vom Pentagon inspiziert.

"Herr Johannesson war ein internationaler Geschäftsmann, vor allem im Luftfahrtgeschäft", erklärt ein Sprecher von Johannesson auf Anfrage, "und er weist absolut Ihre Unterstellung zurück, dass er für irgendeinen Geheimdienst gearbeitet hat."

Es würde sich dennoch lohnen, mit Johannesson über all das zu sprechen. Der isländische Journalist Kristinn Hrafnsson, der gemeinsam mit SZ und NDR den Fall recherchierte, hat neulich mit dem 85-Jährigen telefoniert und ihm die Fragen gestellt, die man jemandem wie ihm stellen muss. Er erreichte Johannesson in dessen Haus in Barbados. Er sei krank, sagte dieser, er wolle mit niemandem sprechen. Der Journalist solle sich einen anderen Gesprächspartner suchen. Er sei sich sicher, dass es jemanden gebe, der mehr wisse, was in der Welt gelaufen sei, als er.

Hrafnsson wies noch mal darauf hin, dass es doch um Sachen gehe, die Zeitungen interessierten. Aber der alte Waffenhändler winkte ab: "Entschuldigung, ich muss das jetzt abbrechen. Ich lese nie etwas, das über mich geschrieben wird." Dann legte er den Hörer auf.

Dabei hätte er doch selbst über den Nelkenbomber viel erzählen können.