Ostukraine Ukraine startet "Total-Angriff" auf Rebellenhochburgen

Ukrainische Truppen starten eine Großoffensive, um die Kontrolle über die besetzten Städte Donezk und Lugansk zurückzugewinnen. Reporter berichten von Artilleriefeuer und vorrückenden Militärkonvois. Die Regierung in Kiew rechnet damit, dass die Operation mehrere Wochen dauern wird.

  • Ukrainische Truppen starten Militäroffensive, um die Rebellenhochburgen Donezk und Lugansk wieder unter ihre Kontrolle zu bringen.
  • Die Europäische Union verschärft ihre Sanktionen und verhängt Einreiseverbote sowie Kontensperrungen gegen elf weitere Personen.
  • Die Namen der Betroffenen sollen erst noch veröffentlicht werden, es soll sich um die Anführer der prorussischen Separatisten im Osten handeln.
  • Die Kämpfe im Osten der Ukraine gehen weiter, drei weitere Soldaten kamen ums Leben.
  • Bundesregierung stellt mehrere Millionen zur Aufbauhilfe zur Verfügung.

Offensive gegen Separatisten-Stellungen im Osten der Ukraine

Ukrainische Truppen haben nach Regierungsangaben einen "Total-Angriff" zur Rückeroberung von Rebellenhochburgen im Osten des Landes eingeläutet. Die nächste Phase der Militäroffensive habe an "mehreren Frontabschnitten" nahe den strategisch bedeutsamen Großstädten Donezk und Lugansk begonnen, teilte das Innenministerium in Kiew am Donnerstagabend mit.

Reporter der Nachrichtenagentur AFP in der 30 Kilometer westlich von Donezk gelegenen Ortschaft Karliwka berichteten von schwerem Artilleriefeuer sowie vorrückenden Militärkonvois mit Panzern und Truppentransportern. Die Armee versucht seit der Einnahme der Rebellenhochburg Slawjansk am vergangenen Samstag auch Donezk und Lugansk einzukesseln, um die dortigen Aufständischen zu vertreiben. Die Rückeroberung von Slawjansk war der bisher größte Erfolg in der wochenlangen Militärkampagne Kiews gegen die Rebellen.

Ukrainische Regierung rechnet damit, dass die Offensive mehrere Wochen andauert

Die prorussischen Kämpfer gestehen zwar ein, dass sie zahlenmäßig und von ihrer Ausrüstung her unterlegen sind, wollen ihre Stellungen in Donezk und Lugansk jedoch halten. Sie sprachen am Donnerstag von Gefechten mit Verlusten auf beiden Seiten, wobei zwei Panzer der Armee zerstört worden seien. Rebellenführer Igor Strelkow sagte bei einer Pressekonferenz, die Gegenseite werde keine der beiden Großstädte einkesseln oder gar einnehmen. Sie hätten genügend Kämpfer und Materialreserven, zumal sich in den vergangenen Tagen "mehr als tausend Freiwillige" den Rebellen angeschlossen hätten.

Das ukrainische Innenministerium rechnet mit einer bis zu einem Monat andauernden Offensive zur Rückeroberung von Donezk und Lugansk. Um zivile Opfer möglichst zu vermeiden, seien keine "Artillerie- oder Luftangriffe" auf die Rebellenbastionen geplant, sagte ein Berater von Innenminister Arsen Awakow im ukrainischen Staatsfernsehen.

Drei tote Soldaten innerhalb eines Tages, mehrere Verletzte

Nach Armeeangaben wurden bei dem Militäreinsatz innerhalb von 24 Stunden drei Soldaten getötet und 27 weitere verletzt. Zwei Männer seien ums Leben gekommen, als ihr Truppentransporter in der Ortschaft Tscherwona Zoria in der Region Donezk auf eine Mine fuhr. Im Dorf Muratow in der Region Lugansk geriet demnach ein Lastwagen in einen Hinterhalt, den ein Soldat nicht überlebte.

Insgesamt wurden in dem seit drei Monaten anhaltenden Konflikt bereits mehr als 200 Soldaten sowie Hunderte Aufständische und Zivilisten getötet. Die Vereinten Nationen schätzen die Zahl der Toten in dem Konflikt auf über 500.

Neue Einreiseverbote und Kontensperrungen

Die Europäische Union verschärft im Konflikt um die Ukraine ihre Sanktionen. Die Vertreter der EU-Regierungen einigten sich in der Nacht darauf, Einreiseverbote und Kontensperrungen gegen elf weitere Personen zu verhängen. Damit steige die Zahl der von solchen Maßnahmen Betroffenen auf insgesamt 71, sagten Diplomaten.

Anführer der prorussischen Separatisten betroffen

Der förmliche Beschluss werde voraussichtlich im schriftlichen Verfahren zwischen den Hauptstädten der 28 EU-Staaten erfolgen, hieß es. Dies könne sehr rasch geschehen. Die Namen der Betroffenen sollen erst später veröffentlicht werden. Dem Vernehmen nach handelt es sich vor allem um Führer der prorussischen Separatisten im Osten der Ukraine. Möglich sei Diplomaten zufolge aber auch, dass "ein oder zwei" russische Staatsbürger mit Einreise- und Kontensperrungen bestraft würden.

Finanzielle Hilfe, moralische Unterstützung

Der bewaffnete Konflikt stellt die Führung in Kiew auch finanziell vor enorme Probleme, räumte der ukrainische Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk ein. Für erste Infrastrukturprojekte im Raum Donezk und Lugansk benötige die Regierung umgerechnet etwa 500 Millionen Euro. "Es ist unklar, woher wir dieses Geld nehmen", sagte Jazenjuk.

Die Ukraine erhält Milliarden von der EU und dem Internationalem Währungsfonds (IWF). Die Bundesregierung stellt nun 3,5 Millionen Euro Aufbauhilfe zur Verfügung. Man habe entschieden, die humanitäre Hilfe für die ehemalige Sowjetrepublik zu erhöhen, teilte das Außenministerium in Berlin am Mittwoch mit. Das Geld soll vor allem den Städten Slawjansk und Kramatorsk zugutekommen, die von der Armee im Kampf gegen Separatisten kürzlich zurückerobert wurden.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko dankte für die Hilfe. "Wir nehmen dies nicht nur als finanzielle Entscheidung wahr, sondern auch als sehr wichtige moralische Unterstützung vonseiten der Länder der Europäischen Union", betonte der prowestliche Staatschef in Kiew.

Möglicherweise Treffen zwischen Merkel und Putin in Rio

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Frankreichs Präsident François Hollande riefen Russlands Staatschef Wladimir Putin erneut auf, die Separatisten zu Verhandlungen zu bewegen.

In ihrem Telefonat mit Putin verlangten Merkel und Hollande erneut, dass der russische Präsident seinen Einfluss auf die Separatisten geltend mache, um diese zu ernsthaften Verhandlungen zu bewegen. Einigkeit bestehe darin, dass ein Waffenstillstand und die Vermeidung ziviler Opfer "oberste Priorität" hätten, erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert. Nach Angaben des Elysée-Palasts mahnten Merkel und Hollande zudem eine Überwachung der ukrainisch-russischen Grenze durch die OSZE sowie die Befreiung aller Geiseln an.

Während die Europäische Union wegen des Ukraine-Konflikts offenbar plant, elf weitere Namen auf ihre Sanktionsliste zu setzen, wollen Merkel und Hollande ihre diplomatischen Bemühungen fortsetzen. Ein gemeinsames Telefonat der beiden Politiker mit Putin sowie dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko soll nach Angaben des Elysée-Palasts in Kürze organisiert werden. Merkel könnte den russischen Präsidenten nach Kreml-Angaben zudem kommenden Sonntag persönlich am Rande des Finales der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien treffen.

US-Präsident Barack Obama und Merkel hatten erst vor wenigen Tagen von Russland einen größeren Beitrag zur Deeskalation in der Ostukraine gefordert und andernfalls mit weiteren Sanktionen gedroht.

Hintergrund

Russland wird vorgeworfen, die Separatisten im Kampf gegen die Regierung in Kiew zu unterstützen, nachdem die Führung in Moskau bereits die Halbinsel Krim nach einem umstrittenen Referendum in die Russische Föderation eingegliedert hatte.

Seit dem Ende der kurzen Feuerpause demonstrieren beide Seiten Härte. Zuletzt eroberte die ukrainische Armee die Separatistenhochburg Slawjansk zurück. Doch die Aufständischen kündigten eine neue Offensive an.

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