Ein Kommentar von Nico Fried

Wie viel Staat gehört zu einer Trauerfeier für gefallene Soldaten? Es ist an der Zeit, dass Angela Merkel dem Eindruck entgegenwirkt, sie zeige sich nur im Glanz der Helden.

An diesem Freitag nimmt die Bundeskanzlerin erstmals an einer Trauerfeier für Soldaten teil, die in Afghanistan getötet wurden. Die offizielle Begründung für die kurzfristige Entscheidung Angela Merkels lautet, es sei ihr ein persönliches Anliegen.

Merkel Trauerfeier Bundeswehr, ddp

Angela Merkel hat sich entschieden, nun doch an der Trauerfeier für die in Afghanistan gefallenen Soldaten teilzunehmen. (© Foto: ddp)

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Niemand kann sich anmaßen, diese Erklärung in Zweifel zu ziehen. Wohl aber darf man die Frage stellen, warum die Kanzlerin diesmal tut, was sie bislang vermieden hat. Bei den bisherigen Trauerfeiern war es ihre persönliche Entscheidung, nicht dabei zu sein.

Wie viel Staat gehört zu einer Trauerfeier für gefallene Soldaten? Die Bundeswehr ist die erste Armee in Deutschland, die man zugleich als zivil befehligt, demokratisch kontrolliert und gesellschaftlich integriert bezeichnen kann.

Daher erscheint es durchaus angemessen - das Einverständnis der Angehörigen vorausgesetzt -, wenn der Staat sich beim Abschied von Menschen zeigt, die in seinem Auftrag unterwegs waren.

Der Verteidigungsminister als oberster Dienstherr ist dafür der richtige Repräsentant. Und 429 Abgeordnete des Bundestages wären auch nicht fehl am Platz. So viele Abgeordnete haben der Parlamentsarmee Bundeswehr zuletzt im Februar das Afghanistan-Mandat verlängert.

Persönlich die ersten Tapferkeitsmedaillen verliehen

Merkel kann über ihre Präsenz frei entscheiden. Für einen Kanzler generell gibt es keine feste Regel, einer Trauerfeier für Soldaten beizuwohnen oder ihr fernzubleiben. Für diese Kanzlerin speziell gibt es aber einen triftigen Grund, nun einmal zu kommen: Angela Merkel hat nicht gezögert, mitten im Wahlkampf 2009 persönlich die ersten neugeschaffenen Tapferkeitsmedaillen an deutsche Soldaten zu vergeben.

Die Männer hatten Kameraden das Leben gerettet. Die Kanzlerin hat seinerzeit kameratauglich eine Aufgabe übernommen, die - wie die Trauerfeier - eher dem Dienstherrn zufiele. Deshalb ist es an der Zeit, dass sie nun einmal dem Eindruck entgegenwirkt, sie zeige sich nur im Glanz der Helden und meide den Schatten der Toten.

Merkel zeigt damit wohl auch, dass sie den Afghanistan-Einsatz entschiedener als Herausforderung annimmt, den sie von Gerhard Schröders Regierung geerbt hat. Es hatte lange gedauert, bis die Kanzlerin das erste Mal nach Afghanistan reiste.

Afghanistan-Einsatz als Herausforderung angenommen

Es hatte noch länger gedauert, bis sie begann, selbst Worte und Argumente zu suchen, um diesen Einsatz zu rechtfertigen. Und es hat viel zu lange gedauert, bis sie einen ihrer bislang schwersten politischen Fehler korrigierte und erst nach einer ganzen Wahlperiode einen Verteidigungsminister ablöste, der seiner Aufgabe nicht gewachsen war.

Eines aber bedeutet die Entscheidung Merkels hoffentlich nicht: Dass sich die Kanzlerin angesichts der düsteren Perspektiven in Afghanistan und einer immer schwierigeren Debatte zu Hause nun in einen ebenso gefühligen wie verbrauchten Patriotismus flüchtet, nur um damit den wachsenden Mangel an gesellschaftlichem und politischem Konsens über den Afghanistan-Einsatz zu verdecken.

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(SZ vom 9.4.2010/cgn)