Gefängnisbibliothek in Guantanamo Captain America statt Koran

Harry Potter und Captain America als Erbauungslektüre im Gefangenenlager: Ein Blog sammelt Fotos aus der halbleeren Häftlingsbibliothek von Guantanamo. Der Zynismus der Titelauswahl zeigt: Gerade scheinbar Nebensächliches wie eine Bibliothek hat etwas mit Respekt und Menschenwürde zu tun.

Von Nadia Pantel

Wenn das Leben eines Menschen in Gefahr ist, scheint vieles wichtiger als der Blick in sein Bücherregal. Doch manchmal entzünden sich Fragen von Leben und Tod auch an einem Buch.

Im US-Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba befinden sich zur Zeit 92 der 166 Häftlinge im Hungerstreik. Über menschenunwürdige Haftbedingungen beschweren sich die Gefangenen schon lange, zum offenen Protest kam es jedoch, als die Wärter die Ausgaben des Koran, die einige der Häftlinge in ihren Zellen liegen hatten, "unwürdig behandelt" hätten, so die Gefangenen.

Wenn der Koran in den Augen der Wächter also nicht die richtige Lektüre für die Gefangenen zu sein scheint, stellt sich die Frage, welche Alternative den Häftlingen überhaupt geboten wird. In einer Foto-Serie zeigt der amerikanische Journalist Charlie Savage, was bereits aus Berichten bekannt war: In der Gefängnis-Bibliothek sind zwar 3500 Bücher zu finden, die Auswahl der Werke aber vermittelt das Gefühl, dass Lesen in Guantanamo eventuell generell nicht erwünscht ist.

Captain America und die traurige Leere

Die Bilder zeigen die Harry-Potter-Bände, die bereits der in Bremen geborene Ex-Insasse Murat Kurnaz in Guantanamo gelesen haben soll; auf ihnen sind Ninja-Turtle-Comics und ein Ratgeber-Buch zur Bekämpfung von Angstzuständen zu sehen. Doch die paar Bücher, die in den halbleeren Metallregalen des Hochsicherheitsgefängnisses herumstehen, vermitteln fast so etwas wie traurige Komik. Neben den Ninja Turtles dominiert Captain America, ein Superheld im Stars-and-Stripes-Kostüm, die Comic-Abteilung.

Harry Potter wird vom Herrn der Ringe, einigen Charles-Dickens-Klassikern und den Chroniken von Narnia ergänzt. Die meisten der Bücher sind auf Englisch, die französische Autobiographie eines Yogi steht herum und lediglich das Paschtunisch-Englische Wörterbuch verweist darauf, dass die Gefangenen deutlich internationaler sind als ihre Bibliothek. Aber um Captain America zu verstehen, braucht man auch schließlich nur die Bilder anzuschauen.

In den "Mindestgrundsätzen für die Behandlung der Gefangenen", die seit 1955 Richtlinie der Vereinten Nationen sind, heißt es in Unterpunkt 40: "Jede Anstalt hat eine Bücherei einzurichten, die allen Gefangenen zur Verfügung steht und über eine genügende Auswahl an Unterhaltungsliteratur und Sachbüchern verfügt; die Gefangenen sind zu ermutigen, davon ausgiebig Gebrauch zu machen." Ob in Guantanamo diese Mindestgrundsätze eingehalten werden?

Bücher können mehr sein

Wie grundlegend anders man die Bedeutung von Büchern für Gefangene interpretieren kann, zeigt ein Beispiel aus Brasilien. Dort startete die Regierung in Brasilia die Initiative "Erlösung durch Lesen". Wie der Spiegel berichtet, können Schwerverbrecher ihre Haft verkürzen, indem sie Bücher aus der Gefängnisbibliothek ausleihen und dann Aufsätze über die Bücher verfassen. Pro gelesenes Buch werden vier Tage Haft erlassen. Zum Bücherkanon gehören Klassiker der Wissenschaftsliteratur, der Philosophie und Belletristik.

Und wenn man schon nicht daran glaubt, dass Bücher den Gefangenen helfen könnten, einen anderen Blick auf ihr eigenes Leben und Tun zu bekommen, dann könnte ein Blick nach Stammheim zeigen, dass Bücher auch kriminologisch dabei helfen können, die Taten der Gefangenen zu verstehen.

Dort las die RAF nämlich Herman Melvilles "Moby Dick". Der weiße Wal, den es zu jagen gilt, das wurde für sie zur Analogie des Staates. Stefan Aust, Autor des "Baader Meinhof Komplex", nannte die Lektüre von Melvilles Roman den zentralen Schlüssel, die Terroristen zu enträtseln. "Wer die RAF verstehen will, muss Moby Dick lesen", sagte er im Gespräch der FAZ.