Geert Wilders' Niederlage Niederländer wählen den populistischen Spuk ab

Die Wahl in den Niederlanden war eine Massenflucht in die Mitte - ein klares Votum für die Demokratie und Europa, gegen Populismus und unberechenbare Scharfmacher wie Geert Wilders. Der dürfte nun endgültig entzaubert sein, denn sein eiskaltes Kalkül haben ihm weder Wähler noch Politiker verziehen.

Ein Kommentar von Thomas Kirchner

Das war nicht zu erwarten: In Massen haben sich die Niederländer bei den Parlamentswahlen von den politischen Extremen abgewandt, sind geradezu geflohen in die Mitte. Sie hatten die Nase voll von wackelnden Regierungen, erratischen, großspurigen Politikern, unhaltbaren Versprechen. Sie wollten kein Kabinett mehr, das von einem unberechenbaren Scharfmacher wie Geert Wilders abhängt und nach ein paar Monaten schon wieder zusammenkracht.

Fünf Mal innerhalb von zehn Jahren mussten die Wähler nun ein neues Parlament bestimmen, und diesmal, in Zeiten der Krise, drückten sie die Gefühle weg, stoppten das ewige Lamento über die etablierten Parteien, und folgten ihrem Verstand. Heraus kam eine klare strategische Entscheidung: gegen Populismus, für Europa. Das ist gut für die Niederlande, gut für den Kontinent, und nicht zuletzt ein Zeichen für die Kraft und die Lebendigkeit der parlamentarischen Demokratie europäischer Prägung.

Ist Wilders nun entzaubert? Ist die große Zeit des Islam-Hassers vorbei, der ins Fach der radikalen Europa-Kritik gewechselt hat, weil seine Tiraden gegen den Koran selbst im eigenen Lager viele nicht mehr hören konnten? Man kann das mit einem vorsichtigen Ja beantworten. Gerade einmal 15 Sitze erhält seine Freiheitspartei, dessen einziges Mitglied er bezeichnenderweise noch immer ist - das ist schon eine Zäsur.

Ein Gespenst von beachtlicher Größe

Sechs Jahre lang hat der geschickte Populist als Nachfolger des von einem Fanatiker ermordeten Pim Fortuyn die Politik seiner Heimat durcheinander gewirbelt; hat mit seinen kruden Thesen über die Bedrohung des Westens durch den politischen Islam die Agenda bestimmt; hat verzweifelten Versuchen, seiner mit juristischen Mitteln Herr zu werden, lässig widerstanden; wuchs zu einem Gespenst von beachtlicher Größe. Als "Dulder" hatte er die Minderheitsregierung des Rechtsliberalen Mark Rutte nach Belieben in der Hand, er wollte unbedingt selbst Premierminister werden.

Aber dann überreizte er wohl sein Blatt. Viele haben Wilders nicht verziehen, dass er Ruttes Kabinett im Frühjahr nach eineinhalb Jahren eiskalt zu Fall brachte, im Glauben, sich mit dem Widerstand gegen die "von Brüssel diktierten" Kürzungen noch beliebter zu machen bei den Wählern. In Den Haag galt er seither als unten durch.

Dass nun ausgerechnet die braven, staatstragenden Sozialdemokraten Aufwind erhalten haben, die ihr Konzept eines gezähmten, gerechteren Kapitalismus aufwärmen und bis vor kurzem wie die Partei von vorgestern auf die Niederländer gewirkt hatten, das ist eine arge Schmach für Wilders. An der Spitze der Arbeitspartei steht mit Diederik Samsom ein junger Politiker, der es verbal mit Wilders aufnehmen kann, der keine Angst mehr vor ihm hat. Für Rutte gilt dasselbe. Beide sind dem blonden Provokateur mit starken Argumenten statt mit Arroganz entgegengetreten.

Das könnte eine Lehre weit über die Grenzen hinaus sein. Der populistische Spuk, der die Niederlande und manch andere mittel-, ost- und nordeuropäische Länder in den vergangenen Jahren erfasst und erschüttert hat, ist kein Grund zum Verzweifeln, er ist kein Anlass, an den Eckpfeilern des politischen Systems oder des eigenen Verstands zu zweifeln. Er ist ein Grund, in die Hände zu spucken und dagegenzuhalten. Mit Politik und Herz.

Einen ausführlichen Kommentar lesen Sie in der morgigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung.