Gedenkmarsch in Kiew "Wir sind Europa"

  • Explosion während eines Gedenkmarsches: In der ostukrainischen Stadt Charkiw werden mindestens drei Menschen getötet. Es gibt mehrere Verletzte.
  • Derweil hat in der Hauptstadt Kiew ein "Marsch der Würde" in Erinnerung an die Opfer der prowestlichen Massenproteste vor einem Jahr begonnen. Auch Bundespräsident Joachim Gauck nimmt daran teil.
  • Die Ukraine und die prorussischen Separatisten hatten sich schon am frühen Morgen schriftlich darauf verständigt, schwere Waffen abzuziehen.
  • Die Übereinkunft gilt laut Armee für die "gesamte Frontlinie", mit der Umsetzung könnte noch an diesem Sonntag begonnen werden.

Tote und Verletze bei Explosion in Charkiw

Bei einer Explosion in der ukrainischen Stadt Charkiw sind mindestens drei Menschen ums Leben gekommen, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Außerdem habe es mindestens zehn Verletzte gegeben. Ein AFP-Reporter sah selbst zwei Leichname, die auf dem Boden lagen und mit ukrainischen Flaggen abgedeckt waren.

Auch Euromaidan PR, ein nach eigener Aussage unabhängiges Bürgerschaftsmedium, teilte per Twitter mit, dass es drei Tote gegeben habe. Einer davon soll laut Innenministerium ein Polizist gewesen sein, die anderen Aktivisten. Augenzeugen sagten dem Fernsehsender 112, die Verletzten seien bei einem Marsch in den vorderen Reihen gegangen.

Das Innenministerium stufte die Explosion als Terroranschlag ein. Eine Polizeisprecherin sagte, es handele sich offenbar um einen Anschlag mit einem bislang noch nicht identifizierten Sprengsatz. Der Geheimdienst meldete die Festnahme mehrerer Verdächtiger.

Der Zwischenfall habe sich während einer Gedenkveranstaltung für Soldaten ereignet, die gegen prorussische Separatisten kämpfen, berichtete der Fernsehsender 112. Twitter-Nutzern zufolge scheint es sich aber eher um einen Gedenkmarsch für die Todesopfer der Proteste auf dem Kiewer Maidan vor einem Jahr zu handeln. Mehrere Twitter-User berichten, dass der Gedenkmarsch trotz der Explosion fortgesetzt werde.

Russia Today meldet per Twitter, Zeugen zufolge hätte jemand etwas aus einem Auto geworfen. Der staatlich geförderte russische Fernsehsender twitterte zudem eine Karte mit der Lage Charkiws:

Charkiw liegt etwa 40 Kilometer von der russischen Grenze entfernt und wird von der ukrainischen Zentralregierung kontrolliert.

Gedenkmarsch in Kiew beginnt

Derweil hat in der ukrainischen Hauptstadt Kiew ein "Marsch der Würde" in Erinnerung an die Opfer der prowestlichen Massenproteste vor einem Jahr begonnen. Zu dem Gedenken hatte Präsident Petro Poroschenko mehrere Staatschefs anderer Länder eingeladen. Auch Bundespräsident Joachim Gauck reiste nach Kiew. Zu Beginn der Veranstaltung ging Poroschenko mit den Ehrengästen sowie Tausenden weiteren Teilnehmern an Gedenkstätten für die Opfer vorbei in Richtung Unabhängigkeitsplatz Maidan.

Beim "Marsch der Würde" in Kiew (v.l.): der ukrainische Präsident Petro Poroschenko, Bundespräsident Joachim Gauck, EU-Ratspräsident Donald Tusk und Litauens Präsidentin Dalia Grybauskaite.

(Foto: Getty Images)

Viele Teilnehmer schwenkten die ukrainische Nationalflagge, einige trugen Plakate mit der Aufschrift "Wir sind Europa" oder "Ruhm den Helden". Im Zentrum der Millionenstadt waren bei den Protesten gegen den damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch mehr als 100 Menschen getötet worden.

Schriftliche Einigung mit Rebellen auf Abzug schwerer Waffen

Die Ukraine und die prorussischen Separatisten im Osten des Landes hatten sich nach Armeeangaben aus Kiew bereits am frühen Morgen schriftlich darauf verständigt, mit dem Abzug schwerer Waffen von der Front zu beginnen. "Die Dokumente zum Beginn des Abzugs schwerer Waffen von der gesamten Frontlinie wurden unterzeichnet", teilte der ranghohe General Olexander Rosmasnin mit. Rosmasnin erklärte, er könne noch nicht sagen, wann mit dem Abzug begonnen werde. Einige ukrainische Medien berichteten, es könne bereits am Sonntag so weit sein.

Die Separatisten bestätigten die Angaben über ihre Nachrichtenagentur. General Alexander Lentsov sagte der britischen BBC zufolge, dass die pro-russischen Rebellen noch am Sonntag mit Abzug schwerbewaffneter Truppen von der Front beginnen wollen.

Mehrtägige Verzögerung wegen Bruchs der Waffenruhe

Vor zehn Tagen hatten Kiew und die Rebellen in der weißrussischen Hauptstadt Minsk nach langen Verhandlungen ein Abkommen unterzeichnet, in dem neben einer Waffenruhe der Abzug der schweren Waffen, die Einrichtung einer Pufferzone und ein Gefangenenaustausch vereinbart wurden. Demnach sollte der auf zwei Wochen terminierte Abzug eigentlich bereits begonnen haben. Die Waffenruhe, die als Bedingung für die anderen Teile des Abkommens gilt, wurde seither allerdings immer wieder gebrochen.

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17 Stunden wurde verhandelt, das ist das Ergebnis: Auf 13 Punkte haben sich die Ukraine und die prorussischen Separatisten in Minsk geeinigt. Neu ist der konkrete Zeitplan. mehr ... Überblick

Schon am Samstag aber gab es ein erstes positives Signal: beide Seiten tauschten an der Frontlinie etwa 190 Gefangene aus - 139 ukrainische Soldaten und 52 prorussische Separatisten.

Ukraine befürchtet Angriff auf Mariupol

Die Lage in der Ostukraine bleibt allerdings uneindeutig. So warf Kiew den Separatisten am Samstag vor, ungeachtet der vereinbarten Waffenruhe einen Angriff auf Mariupol vorzubereiten.

Wie sich die Frontlinien verschoben haben

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Die Aufständischen würden ihre Einheiten nahe der strategisch wichtigen Hafenstadt verstärken, sagte Armeesprecher Andrej Lyssenko. Sie würden Kämpfer, Waffen und militärische Ausrüstung in die Region bringen. Offenbar sei ein Angriff geplant. Mariupol liegt zwischen Russland und der von Russland annektierten Halbinsel Krim. Ein Sprecher der Separatisten wies die Vorwürfe zurück.