Sicherheitsvorkehrungen wie bei einem Staatsbesuch: Mitglieder von acht der zehn Familien, deren Angehörige dem Morden der Neonazis zum Opfer fielen, haben ihre Teilnahme an der Gedenkfeier zugesagt. Die Spitzen der deutschen Verfassungsorgane begehen heute einen Akt der Reue: Der Staat muss sich für die falschen Verdächtigungen und die psychischen Qualen entschuldigen, die die Familien erleiden mussten.
Die weiß-roten Absperrgitter stehen schon rund um den Gendarmenmarkt in Berlin. An diesem Donnerstag darf an dem großen Platz im Zentrum der Hauptstadt kein Fahrrad abgestellt werden, geschweige denn ein Auto. Die Sicherheitsvorkehrungen sind so hoch wie bei einem wichtigen Staatsbesuch. Der Schutz gilt auch den Ehrengästen, die im Konzerthaus zu einem in der Geschichte der Bundesrepublik beispiellosen Staatsakt erwartet werden.
Bild vergrößern
Mitglieder der Türkischen Gemeinde gedenken im vergangenen November vor dem Brandenburger Tor der neun Männer, die von den Neonazis ermordet wurden. (© dpa)
Anzeige
Mag sein, dass diese Ehrengäste sich wundern über den Aufwand, den die deutschen Sicherheitsbehörden dieser Tage betreiben. Denn mit der Polizei haben die allermeisten von ihnen über Jahre hinweg traumatische Erfahrungen gemacht. Als ihre Väter, Ehemänner und Kinder erschossen wurden, gerieten diese und sie selbst in den Verdacht, für die Morde mit verantwortlich zu sein. Drogengeschäfte, Schutzgelderpressung, all das vermuteten die Beamten als Motiv für die jahrelang rätselhafte Verbrechensserie an kleinen Gewerbetreibenden, deren Familien aus der Türkei und aus Griechenland stammten.
Inzwischen weiß man, dass eine Nazi-Gruppe die neun Männer und eine Frau, eine Polizistin, exekutierten: planmäßig, getrieben von Fremdenhass. Der deutsche Staat hat sich, wenn auch nicht mutwillig, schuldig gemacht, vor allem an zehn Familien. Viele von ihnen mussten erleben, wie sich Freunde und Bekannte nach dem Morden zurückzogen angesichts des hässlichen Verdachts verbrecherischer Komplizenschaft. Und indirekt an allen Migranten in Deutschland, die seit dem vergangenen November, als die Zwickauer Neonazi-Zelle aufflog, daran zweifeln, ob sie in Deutschland tatsächlich sicher leben können. Für sein Versagen muss der deutsche Staat um Verzeihung bitten, die Hinterbliebenen zuallererst. Die Gedenkfeier ist ein Staatsreue-Akt.
Verwandte von acht der zehn Familien haben die Einladung angenommen, manche nach langem Zögern, manche auch mit Bangen. Erst vor drei Monaten haben sie erfahren, wer tatsächlich für den Tod ihrer Angehörigen verantwortlich ist. Das hat den Schmerz, die Angst und die Verletzungen von damals wieder aufgewühlt, die Gedenkfeier im Konzerthaus wird es wieder tun.
Barbara John, die legendäre langjährige Berliner Integrationsbeauftragte, die im Winter zur Ombudsfrau für die Opferfamilien ernannt wurde, hat in den vergangenen Wochen viel vom Leid der Familien erfahren. Es gibt materielle Not, die es zu lindern gilt, größer aber sei oft die seelische Pein, sagt sie. Barbara John ist zu einer Art Sprecher der Opferfamilien geworden. Und in dieser Funktion ruft sie die deutsche Politik auf, die Familien zu rehabilitieren. "Die Bundeskanzlerin und alle anderen Vertreter des Staates müssen dafür sorgen, dass der schwer beschädigte Ruf und das Ansehen der Familien wiederhergestellt wird", verlangt John.
Aber damit allein sei es nicht getan. Die Angehörigen wollten so gut es eben gehe in die laufenden Ermittlungen der Strafverfolger gegen die Zwickauer Zelle eingebunden werden und zudem darüber berichten, wie quälend die Ermittlungen von einst für sie gewesen seien.
"Die Sicherheitsbehörden haben versagt"
John macht auch keinen Hehl aus ihrer Kritik an den Strafverfolgern. "Der Staat muss zugeben, dass die Sicherheitsbehörden insgesamt versagt haben." Sie fordert Konsequenzen. Deutschland solle sich ein Beispiel nehmen an Großbritannien, wo die Polizei bei jeder Gewalttat gegen Migranten dem Verdacht einer rassistisch motivierten Gewalttat nachgehen müssten.
Und dass die Gesellschaft dringend umdenken müsse, sagt sie auch. Neun der zehn Opfer hätten ihr Leben verloren, weil sie nicht in das Deutschen-Bild der Neonazis gepasst hätten. Aber auch rechtschaffene Bürger müssten erkennen: "Unser Land wird nie wieder so aussehen wie vor Jahrzehnten. Zuwanderer gehören zu unserem Land, so wie sie sind", sagt John. Und fügt hinzu: "Schluss mit ausgrenzenden Begriffen und Anpassungsbefehlen nach dem Motto: Integriert euch."
Barbara John ist Mitglied der CDU. Ihre Vorsitzende, Kanzlerin Angela Merkel, wird auf dem Gedenkakt sprechen. Sie muss einspringen; bis vergangenen Freitag war der Bundespräsident als Redner vorgesehen. Doch Christian Wulff ist nicht mehr im Amt. Merkel hatte die Mordserie sofort nach der Enttarnung der Zwickauer Zelle als "Schande" bezeichnet, hinter diesem starken Wort wird sie auch bei ihrer Rede nicht zurückbleiben können.
Auch zwei Familienangehörige kommen zu Wort, zwei Frauen, die sich einen gemeinsamen Auftritt gewünscht haben, weil sie sich dann bei diesem aus mancherlei Hinsicht schwierigen Akt ein wenig sicherer fühlen. Es sind Semiya Simsek, deren Vater Enver am 9. September 2000 in Nürnberg an seinem Blumenstand von neun Kugeln getroffen wurde. Er war das erste Opfer der Neonazis. Die zweite ist Gamze Kubasik, deren Vater Mehmet am 4. April 2006 in seinem Kiosk in Nürnberg erschossen wurde.
Der künftige Bundespräsident wird hinten sitzen
Die zwei werden vor 1200 Gästen reden, unter ihnen die Spitzen der deutschen Verfassungsorgane, Bundestagsabgeordnete, Ministerpräsidenten, Diplomaten, Politiker aus der Türkei, Vertreter von Migrantenorganisationen und Ehrenamtliche aus Initiativen, die sich gegen Fremdenhass und für Toleranz engagieren.
In einer der hinteren Reihen wird der künftige Bundespräsident Joachim Gauck sitzen, als Bürger, wie sein Sprecher ausdrücklich betont. Gauck habe bereits vor geraumer Zeit seine Teilnahme an der Veranstaltung zugesagt, längst bevor er wusste, dass sein Vorgänger Wulff, der die Idee für die Zeremonie gehabt und die Feier organisiert hatte, am Tag selbst nicht mehr im Amt sein würde.
Die Feier beginnt um 9.30 Uhr und soll eine gute Stunde dauern. Anschließend können alle Menschen in Deutschland ihrerseits gedenken. Gewerkschafter, Politiker und Kirchen haben dazu aufgerufen, dass Deutschland um Punkt 12 Uhr innehält, dass die Busse stoppen, der Schulunterricht unterbrochen und die Arbeit in den Unternehmen 60 Sekunden lang ruht. Als Zeichen dafür, dass Gewalt, Fremdenhass und Rechtsextremismus in Deutschland keinen Raum gewinnen dürfen. Für die Angehörigen der Toten könnte dieses Signal der Gesellschaft ähnlich bedeutend sein wie die Gedenkstunde des Staates zuvor.
- Thema
- Rechter Terror RSS
- Morde der Zwickauer Terrorzelle Ein Angriff, der uns allen gilt 23.02.2012
- Anklage erhoben Neonazi-Sänger soll NSU-Morde verherrlicht haben 21.02.2012
- Politischer Aschermittwoch Alle gegen die NPD 20.02.2012
- Vom unauffälligen Leben der NSU-Mitglieder "Ganz nette, sympathische, höfliche Leute" 20.02.2012
- Kampf gegen Rechtsextremismus Lieberknecht will sämtliche V-Leute in NPD abschalten 19.02.2012
- Zwickauer Neonazis Carsten S. - Kontaktmann zum Terrortrio 25.02.2012
- Gedenken an Opfer der Zwickauer Neonazis Ein Wunsch, der Ängste weckt 24.02.2012
(SZ vom 23.02.2012/mane/gba)
nicht nur gegenüber Türken und Ausländern. Die Täter kommen bei Tötungsdelikten generell oft aus dem Umfeld, oft der Familie der Opfer. Daher fällt auf die betreffenden Personen, seien sie urdeutsch, Franzosen oder Türken, generell der primäre Verdacht: Ehepartner, Eltern von ermodeten oder verschwundenen Kindern, erbende Kinder, auf allen lastet der auf Basis der bisherigen Erfahrung gegründete Verdacht. Das verstört und verletzt alle die, die doch inerster Linie um ihren Verlust trauern, von der Situation überfordert sind. Wie soll dem begegnet werden, wiederum, generell, nicht nur bei Türken, Migranten oder Ausländern?
Ich weigere mich zwei Klassen von Opfern zu akzeptieren. Hier die Opfer nazistischer Mörder, denen - was ja auch völlig in Ordnung ist ! - große öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wird, die gesamte Polit-Prominenz warvor Ort, und dort die unbekannten, anonymen Opfer: meist türkische, arabische, afghanische, bosnische Frauen, die ermordet werden, weil sie sich nicht dem Diktat des Clans beugen oder aus dem Gefängnis einer Ehe ausbrechen wollen.
Kennen Sie die Zahlen für Deutschland allein für 2009 und 2010 ?!
Ehrenmorde in Deutschland 2009:
30
Schwere Mordversuche:
6
Ehrenmorde in Deutschland 2010:
23
Schwere Mordversuche:
11
(aus: Archiv Ehrenmorde)
Eine Gesellschaft, die aus Gründen politischer Opportunität kein deutliches Zeichen gegen diese Gewaltkultur setzt, macht sich in meinen Augen unglaubwürdig.
Abgesehen davon, dass man auch unschuldig Opfer eines betrunkenen Gewalttäters werden kann, war das eher eine Zuspitzung meinerseits.
Den Kern meiner Aussage konnte man auch so ohne weiteres verstehen. Es ist dann wohl viel eher entlarvend, dass Sie sich an diesem einen Satz aufhängen, anstatt klar Stellung zu beziehen hinsichtlich meiner mehr als deutlich formulierten Frage.
Es bleibt bei meiner Einschätzung, dass Sie hier durch dieses seltsame Aufrechnen (Ehrenmorde vs. NSU-Morde) die Tatsache einer gezielt mordenden rechten Terror-Gruppierung relativieren wollen.
Den Zusammenhang sehe ich allerdings nicht bzw. ich sehe dahinter eine Denkweise, die Sie in einem Forum wie diesem nicht zu äußern wagen.
Natürlich steckt nicht der Verfassungschutz als "Ganzes" hinter der Mordserie.
Aber "Teile" haben offenbar davon gewusst und es so lange gebilligt, bis die Gefahr bestand, dass eben genau dieser Tatbestand der Billigung ans Licht kommt!
Und das hat zumindest den Geruch der Anstiftung zum Mord.
Ich behaupte nichts weniger, als dass die beiden Neonazis von Verfassungsschützern ermordet worden sind. Spurenverwischung halt.
Ein Innenminister, der seinen Job ernst nimmt hätte sofort Hausdurchsuchung zumindest beim Thüringer Verfassungsschutz anordnen müssen, schon um die Verdunkelungsgefahr zu vermeiden.
Aber man durchsucht halt lieber linke Parteibüros oder geht gegen Nazigegner - nicht nur in Dresden - mit verfassungswidrigen Mitteln zu Werke.
Ach - merkwürdigerweise verschwinden auch beim BKA noch in jünster Zeit Unterlagen, die zur Aufklärung des Falles hätten beitragen können.
Alles Zufall? Träumen Sie weiter!
Und wer hat den Nazis die echten Ausweise beschafft? Der Verfassungsschutz! Natürlich alles alternativlos wegen der Gefahr einer Enttarnung der "Verdeckten Ermittler".
Das Argument mit den "wenigen" 10 Toten zählt für mich gar nicht, denn mehr Tote hätten sicher auch die Polizeifahndung verschärft, was natürlich wiederum die Gefahr der Entdeckung für den "planungsbeteiligten" Verfassungsschutz erhöht hätte.
In diesem Staat entwickelt sich die Polizei langsam zur Gestapo -
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/1678188/ -
und der Verfassungsschutz unterstützt die Drahtzieher. Mit allen Mitteln.
"Die unzähligen Todesopfer von Kneipenstreitereien unter Alkoholeinfluss."
Entschuldigung, aber der Satz ist ja wirklich entlarvend: wenn zwei Männer alkoholisiert aneinander geraten und es gibt einen Toten - das wollen Sie ernsthaft mit der jahrzehntelangen blutigen Serie von Ehrenmorden an hilflosen Frauen gleichsetzen ?
Paging