Gedenken an Neonazi-Opfer Große Geste eines bescheidenen Mannes

Die Gedenkstunde für die Opfer der Zwickauer Terrorzelle wird zu einem Akt gemeinsamer Trauer. Kanzlerin Angela Merkel ringt um Erklärungen für die Morde der Neonazis. Sie entschuldigt sich bei den Hinterbliebenen. Doch es ist Ismail Yozgat, der in seiner unfassbaren Bescheidenheit die Türen zur Versöhnung öffnet. Er hat seinen Sohn verloren. Nun wird ihm zugehört. Endlich.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Ismail Yozgat wollte dann doch reden. Ein kleiner Mann, die grauen Haare kurzgeschoren wie sein Oberlippenbart, tritt hinter das Pult auf die Bühne im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt. Wenige Minuten zuvor stand hier Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie hat um Verzeihung gebeten für das Leid, das die Angehörigen der Opfer des rechten Terrors in Deutschland erfahren haben. Weil sie ihre Liebsten verloren haben. Weil sie sich danach übelsten Verdächtigungen der deutschen Behörden ausgesetzt sahen, selbst kriminell zu sein. Als würden die Ermordeten und ihre Angehörigen Mitschuld tragen am Ungeheuerlichen.

Heute ist bekannt, dass allein die rechte Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" verantwortlich für die zehn Morde ist. Es geht um Rehabilitation in dieser Gedenkstunde, die noch Christian Wulff als Bundespräsident veranlasst hat. Es geht um Wiederherstellung der Familienehre.

Ismail Yozgat hat seinen Sohn verloren. Halit, 2006 erschossen in einem Internetcafé in Kassel, die Stadt, aus der die Familie komme. Die Dolmetscherin sagt nur Kassel. Ismail Yozgat aber will präzise Angaben machen. Baunatal, ergänzt er. Er komme aus Baunatal. Vielleicht ist zu viel geschludert und geschlampt worden bei den Ermittlungen nach dem Mord an seinem Sohn, als dass er sich jetzt mit Halbrichtigem zufriedengeben könnte.

Ein Ruf nach öffentlicher Anerkennung

Geld sei ihm und seiner Familie angeboten worden. Als Entschädigung für das jahrelange Misstrauen, die quälenden Fragen, die falschen Verdächtigungen. "Elf Jahre lang durften wir nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein", sagt später Semiya Simsek, die ihren Vater verloren hat.

Mit Geld lässt sich das nicht gutmachen. Ismail Yozgat lehnt es ab, Geld zu nehmen. Er will seelische Unterstützung, so übersetzt es die Dolmetscherin. Was er dann sagt, das klingt eher wie ein Ruf nach öffentlicher Anerkennung: Die Mörder sollen bestraft werden. Die Holländische Straße in Kassel, in der der Mord geschehen ist, soll nach seinem Sohn benannt werden. Yozgat will, dass im Gedenken an die zehn Opfer ein Preis ausgelobt wird.

Er sagt das ohne jede Wut, ohne ein Anzeichen für Hass. Als wolle er der Welt nur zeigen: Seht her, wir hatten damit nichts zu tun. Glaubt uns. Es stimmt, was wir immer gesagt haben. Wir haben nicht gelogen.

Etwas mehr als eine Stunde dauert die Gedenkveranstaltung. Und sie könnte tatsächlich zu einem Beginn für Versöhnung werden. Das liegt auch am Auftritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Merkel ist oft kritisiert worden, sie habe nicht die nötige Empathie mit den Opfern gezeigt, sei zu spröde gewesen, als die Wahrheit endlich ans Licht kam. Heute ist das anders. Sie liest ihre Rede ab, aber ihre Stimme wirkt merkwürdig brüchig. Sie hat vor der Gedenkstunde mit den Opferangehörigen sprechen können. Mit denen, die erst ihre Liebsten verloren, und dann noch als mitschuldig abgestempelt wurden. Von deutschen Behörden. Merkel scheint verstanden zu haben: "Dafür bitte ich Sie um Verzeihung."

"Eine Schande für unser Land"

Die Kanzlerin sagt zu jedem Opfer etwas. Der eine, Blumenhändler, der andere, Aushilfe in einer Änderungsschneiderei, der nächste: Vater einer dreijährigen Tochter. Wenige Worte nur, die aber die Absurdität der Morde vor Augen führen. Die Kanzlerin stellt sich an die Seite der Opfer, wie sie es zuvor noch nicht gemacht hat. Niemand, sagt sie, niemand könne "Ihnen den Ehemann, den Vater, den Sohn oder die Tochter zurückbringen." Aber: "Wir alle können Ihnen heute zeigen: Sie stehen nicht länger allein mit ihrer Trauer."

Merkel sucht nach Erklärungen. Warum konnte das passieren? Warum machen Menschen so etwas? Sie habe das Video gesehen, das im Umfeld der Terrorzelle NSU aufgetaucht ist. Das mit dem rosaroten Panther. Perfide nennt sie es. Menschenverachtend. Und doch: Eine Antwort hat sie nicht, kann sie nicht haben. Aber ihr ist anzumerken, dass sie gerne eine geben würde.

Die Jugendarbeitslosigkeit vielleicht. Oder, dass es verfassungsfeindliche Parteien schaffen, das soziale Leben in manchen Orten zu prägen. Das kann es aber allein nicht sein. Und der Staat alleine könne den Rechtsextremismus nicht bekämpfen. Wachsame Bürger brauche es. Solche, die sich auch den kleinen fremdenfeindlichen Bemerkungen im Alltag entgegenstellen.

Zuversicht. Damit endet Merkel. Sie will Hoffnung geben. Und vielleicht ist diese bisher einmalige Gedenkstunde dafür ein Anfang. Den Satz von Altbundespräsident Christian Wulff wiederholt sie nicht: "Der Islam gehört zu Deutschland." Merkel sagt: "Wir alle gemeinsam prägen das Gesicht Deutschlands." Es sei die im Grundgesetz verankerte "Würde des Menschen", die der Staat zu schützen habe. Daraus leitet sie alles ab. "Wann immer Menschen in unserem Land bedroht werden, ausgegrenzt werden, verletzt es die Werte unseres Grundgesetzes. Deshalb waren die Morde eine Schande für unser Land." Nur eines hätte sie vielleicht deutlicher Herausarbeiten können: das Versagen der Sicherheitsbehörden.

Zur Ehrung der Angehörigen gehört auch, dass ein türkischer Komponist gespielt wird, Cemal Resit Rey. Eine dichte, intensive Musik für Violine und Streicher. So emotional berührend wie auch das Gedicht "Schnee" von Ahmet Muhip Diranas, gelesen von Erol Sander. Oder "Entwöhnung" von Erich Fried, gelesen von Iris Berben. Abschied, darum geht es. Abschied von den Lieben. Ein Abschied, der den Angehörigen der Opfer viel zu lange viel zu schwer gemacht wurde.

Diese Sängerin, dieses Lied

Als Sharon Philipps den Song "Imagine" von John Lennon anstimmt, da stehen vielen im vollbesetzen Konzerthaus die Tränen in den Augen. Diese Sängerin, dieses Lied. Es ist wohl genau das, was dieser Gedenkstunde trotz aller Trauer das rechte Maß an Leichtigkeit verleiht. Versöhnung könnte daraus erwachsen. Aber es wird Sache der Angehörigen der Opfer sein, ob sie Versöhnung zulassen können.

Vielleicht hilft dabei Ismail Yozgat, der kleine Mann mit den grauen Haaren. Als er hinter dem Pult hervortritt, brandet Applaus auf. Er hat Mut bewiesen, sich dort hinzustellen, den Angehörigen der Opfer ein Gesicht, eine Stimme zu geben. Er erreicht fast die Treppe, die in der Mitte der Bühne zum Zuschauerraum hinunterführt. Da hält er inne, stellt die Beine zusammen, legt die Hände an den Hosenbund und verbeugt sich in den Applaus hinein. Ja, er verbeugt sich.

Ihm wurde zugehört, endlich. Vielleicht zum ersten Mal. Dass er sich dafür mit einer Verbeugung bedankt, das macht diesen kleinen Mann zu seinem sehr großen Mann. Er ist es, der mit seiner unfassbaren Bescheidenheit die Türen zur Versöhnung öffnet.

"Eine Schande für unser Land"

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