Auch im Netz sollte den Opfern der Zwickauer Terrorzelle gedacht werden: Twitter-Nutzer hatten zu einer Schweigeminute aufgerufen. Doch die Aktion stieß nicht überall auf Begeisterung.
Respekt, Trauer, Mitgefühl - all das wollten die Menschen zeigen, die heute um zwölf Uhr für eine Minute geschwiegen haben, um der Opfer der Zwickauer Terrorzelle zu gedenken. Nicht nur Busse und Bahnen, auch so manche Twitter-Timeline kam ins Stocken - bereits am Morgen hatten einige User dazu aufgerufen, parallel zur Schweigeminute in der realen Welt auch im virtuellen Raum innezuhalten. Zahlreiche Menschen twitterten um kurz vor 12 Uhr noch ein Wort: "#Schweigeminute", den Hashtag zum Gedenken an die Neonazi-Morde - und dann für eine Minute nichts mehr.
"Wird eine Schweigeminute auf Twitter und Facebook funktionieren? Heute um 12 Uhr?" schrieb am Morgen noch Johnny Haeusler, Gründer des bekannten Blogs Spreeblick. Andere waren da schon direkter: "Heute zwischen 12:00h und 12:01h möchte ich hier möglichst keinen Tweet sehen" und: "Die Schweigeminute ist eine Minute, in der die Münder schweigen, aber das Gewissen, das muss schreien."
Ganz zum Versiegen kommt er aber doch nicht, der ewige Datenstrom - er wurde höchstens ein bisschen langsamer. Manch ein Twitter-User will nämlich aus Prinzip nicht schweigen: "Überall in Deutschland wird täglich Menschen mit Hass begegnet, weil sie nicht deutsch genug aussehen. Und Ihr schweigt?" oder "Heute ist 'Schweigen gegen Nazis'. Genau wie gestern, und vorgestern und vorvorgestern...", heißt es da.
Auch die taz gehört zu den Kritikern der Schweigeminute: "Nein, wir schweigen nicht zum Nazi-Terror. Im Gegenteil." Und auch der in Netzdiskussionen übliche beißende Sarkasmus bleibt nicht aus: "Oh, eine Schweigeminute. Jetzt ändern noch bitte alle ihr Profilbild zu ihrem Lieblingsdisneybösewicht und alles ist wieder gut."
Viele werfen vor allem der Politik Scheinheiligkeit vor: "Wer von euch ist gegen rechten Terror? Jetzt sagen alle: ich! Und was tut ihr dagegen? Nichts!" Und: "Nach der Schweigeminute sollte sich die Politik mit denen beschäftigten, die die letzten Morde hätten verhindern können."
Ursprünglich hatte unter anderem der Deutsche Gewerkschaftsbund zu der bundesweiten Schweigeminute aufgerufen. "Wir alle setzen damit ein Zeichen für eine offene und zu ihrer eigenen Vielfalt stehenden Gesellschaft", sagte DGB-Chef Michael Sommer. Um zwölf Uhr sollten die Bürger für 60 Sekunden "in ihrer Arbeit innehalten, ihre Tätigkeit unterbrechen und demonstrieren, dass Fremdenhass, Rassismus und Antisemitismus in Deutschland nicht geduldet werden".
Im Netz sehen das viele anders: "Nicht schweigen, handeln bitte!!", steht da kurz und knapp.
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(Süddeutsche.de/beitz/holz)
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"Schweigen und Schweigen sind zwei paar Schuhe" schreibt Tumdidum - dem ist nichts hinzuzufügen.
Es mag einigen Zwitschereren nun der Unterschied nicht so klar sein, aber sie können ja auch jetzt noch darüber nachdenken - sozusagen als nachträgliche (Ge-)Denkminute.
Denen, die aber dennoch immer und überall meinen zwitschern zu sollen, sei der Zweck des Zwitscherns in Erinnerung gerufen: Selbstdarstellung und Markierung des eigenen Reviers.
Eine Schweigeminute ist ein tolles und mächtiges Mittel um Opfern zu würdigen. Sei es durch eine Katastrophe oder wie hier durch ein Verbrechen. Es berührt mich immer sehr dabei zu sein. Denn in dieser Zeit schreit es im Inneren tatsächlich. Es wühlt auf. Und gerade diese Tatenlosigkeit in dieser Minute quält so sehr, dass der Drang zum Handeln wächst.
Wenn Andere damit anders umgehen möchten, ist das natürlich auch OK. Aber man muss dafür nicht das Gedenken der Schweigenden stören.
Schweigen und Schweigen sind zwei paar Schuhe.
In dieser Schweigeminute, ich habe mich dem angeschlossen, habe ich meine Anteilnahme an die Opfer zum Ausdruck gebracht, meine Wut auf die Dummheit, welche in einigen Köpfen besteht, meine Wut auf so manchen politischen Neusprech heutiger Zeit. Die Schweigeminute ist ein symbolischer Akt. Ein Zeichen mich vielelicht auch selbst zurückzunehmen und meine Zeit schweigend den Angehörigen der Opfer zu schenken.
Dies bedeutet aber nicht, dass ich vor und nach dieser Minute auch schweigend gegenüber politischer Gewalt durch die Welt irre. Ganz im Gegenteil. Ich bin da sehr laut und schweige nicht!
Ich denke, dass die Gegner dieser Schweigeminute diesen Unterschied nicht verstehen, oder dem politischen Neusprech folgend einfach ihr Maul aufreißen, weil sie nicht anders können, als zu posaunen.
Meine fünf Eurocent,
Tumdidum
Richtig.
Über rechte Gewalt und ihre Verharmlosung bzw. Verleugnung wurde schon viel zu lange geschwiegen.
Vor allem zu den Verbindungen der rechten Szene zu den Sicherheitsbehörden und den braunen Flecken im Staatsapparat darf nicht mehr geschwiegen werden.