Hunderte Palästinenser im Gaza-Streifen haben an mehreren Abschnitten die Grenze nach Ägypten durchbrochen. Ägyptische Sicherheitskräfte eröffneten das Feuer, wie Regierungsbeamte und Augenzeugen berichteten. In dem von der radikalislamischen Hamas beherrschten Gebiet herrscht Chaos.

Entlang der 14 Kilometer langen Grenze strömten an mindestens fünf Stellen Palästinenser nach Ägypten. Mindestens 300 Grenzposten seien in das Gebiet verlegt worden, um die Grenze wieder zu schließen. Nach palästinensischen Angaben wurden mehrere Menschen von den Schüssen der ägyptischen Sicherheitskräfte verletzt. Ein Bewohner des Gazastreifens sagte, Anwohner hätten sich eines Bulldozers bemächtigt, um weitere Breschen in die Grenze zu schlagen. Ein ägyptischer Arzt sagte in Rafah, die ägyptischen Behörden hätten den Grenzübergang geschlossen, nachdem mehrere Lastwagen mit medizinischen Gütern nach Gaza hätten passieren dürfen.

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Shoafat nahe Jerusalem: Palästinensischer Junge im Flüchtlingslager (© Foto:)

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Israelische Militärflugzeuge hatten das Grenzgebiet zuvor bombardiert. Ziel waren offenbar Tunnelanlagen. Die ägyptischen Sicherheitskräfte hätten sich vor dem israelischen Bombardement zurückgezogen. Schmuggler haben in den vergangenen Jahren dutzende Tunnel in dem Gebiet gegraben, durch die Waffen und Versorgungsgüter in den Gazastreifen gelangen. Israel und Ägypten haben den Gazastreifen nach der Machtübernahme der Hamas im Juni 2007 von der Außenwelt abgeriegelt.

Israel droht Hamas mit Einmarsch

Nach den verheerendsten Luftangriffen auf den Gazastreifen seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 droht Israel nun auch mit einer Bodenoffensive. Die Armee sei notfalls zum Einsatz von Bodentruppen bereit, erklärte am Sonntag Verteidigungsminister Ehud Barak und ordnete die Mobilisierung tausender Reservisten an. Nach palästinensischen Angaben starben bei den Luftangriffen seit Samstagmorgen mehr als 280 Menschen.

"Wenn es notwendig ist, Truppen aufmarschieren zu lassen, um unsere Bürger zu schützen, werden wir das tun", wurde Barak von seinem Sprecher zitiert. Die israelische Armee begann zugleich, Panzer und Soldaten an der Grenze zum von der radikalislamischen Hamas kontrollierten Gazastreifen zusammenzuziehen. In der Nähe des Übergangs Eres fuhren mehrere Panzer begleitet von Militärtransportern auf. Die Regierung beschloss zudem, mehr als 6000 Reservisten zu mobilisieren.

Die israelische Luftwaffe griff nach eigenen Angaben bei der "Operation Gegossenes Blei" seit Samstagmorgen binnen 24 Stunden rund 230 Hamas-Standorte im Gazastreifen an. Dabei wurden laut palästinensischen Rettungskräften mehr als 280 Menschen getötet, zumeist Sicherheitsbeamte der Hamas-Regierung. Weitere 600 wurden verletzt. Bei einer Solidaritätskundgebung von Palästinensern im Westjordanland wurde an der Grenze zu Israel ein Palästinenser von israelischen Soldaten erschossen. Außerdem beschossen Kampfflugzeuge etwa 40 illegale Versorgungstunnel zwischen dem Gaza-Streifen und Ägypten, mit denen die Hamas die Blockade des Gazastreifens zu umgehen versucht.

Mit den Luftangriffen will Israel die ständigen Raketenangriffe auf sein Territorium vom Gazastreifen aus unterbinden. Allerdings gingen im Süden des Landes am Sonntag erneut rund 20 Raketen nieder. Erstmals wurde auch eine Ortschaft getroffen, die mehr als 30 Kilometer vom Gazastreifen entfernt liegt. So weit reichte bislang noch kein Raketenangriff der Hamas-Kämpfer. Am Samstag wurde ein Israeli durch eine Palästinenser-Rakete im südisraelischen Netivot getötet.

Der UN-Sicherheitsrat in New York forderte in einer nicht bindenden Erklärung, die Konfliktparteien müssten "sofort alle militärischen Aktivitäten stoppen" und durch die Öffnung der Grenzübergänge die Versorgung der Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen sicherstellen. Die Erklärung war nach Angaben von Diplomaten auf Druck der USA abgeschwächt worden. Washington hatte wiederholt Israels Recht auf Selbstverteidigung gegen die Raketenangriffe aus dem Gaza-Streifen betont. Auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) erklärte, die Bundesregierung respektiere das legitime Recht Israels, sich selbst zu verteidigen. Nach einem Telefonat mit seiner israelischen Kollegin Zipi Livni zeigte er sich "sehr besorgt über die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten".

In Ägypten demonstrierten am Sonntag mehr als 50.000 Menschen gegen die israelischen Luftangriffe auf den Gazastreifen. Der ägyptische Außenminister Ahmed Abul Gheit kündigte an, die Arabische Liga werde sich bei einer Dringlichkeitssitzung am Mittwoch um eine Feuerpause zwischen Hamas und Israel bemühen, die dann in einen Waffenstillstand münden könne.

In der jemenitischen Hauptstadt Sanaa, in Damaskus, in Dubai und im irakischen Mossul demonstrierten Tausende gegen Israel und die Untätigkeit der arabischen Staaten. Das geistliche Oberhaupt Irans, Ayatollah Chamenei, sagte nach Angaben des staatlichen Fernsehens, Israel müsse von den arabischen Staaten "bestraft" werden. Auch der libysche Staatschef Muammer el Gaddafi kritisierte die "feige" Haltung der arabischen Länder gegenüber Israel. Papst Benedikt XVI. erklärte, die internationale Gemeinschaft solle den Israelis und Palästinensern helfen, der "perversen Logik von Konfrontation und Gewalt" zu entkommen. Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International forderte ein sofortiges Ende der "unrechtmäßigen" israelischen Angriffe.

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(AP/AFP/lala)