Von Christiane Schlötzer

Gewalt in Nahost: Wie die Palästinenser unter den Bomben leiden - und was Israel mit den Angriffen zu erreichen erhofft.

In guten Tagen ist Basil Schawwas üppiger Garten eine Zuflucht in Gaza. Nun haben die 17 Zimmer von Schawwas kleinem Hotel "Marna House" keine Fenster mehr. Schawwa hat Plastiktüten in die leeren Höhlen gehängt, weil es nachts empfindlich kalt ist. "Die Explosion war ganz nah", sagt der Hotel-Chef am Telefon.

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Sein Handy funktioniert noch, weil das Hotel einen Generator hat. Viele andere Anschlüsse in Gaza sind dagegen am Montag, dem dritten Tag der israelischen Luftangriffe, nicht mehr erreichbar. Es fehlt der Strom für die Akkus, aber das ist noch das geringste Übel.

"Extrem schwierig"

"Wir können nicht mehr aus dem Haus, ständig fallen Bomben", sagt Schawwa. Zwischen den Explosionen hört er die Sirenen der Ambulanzwagen. Sein Hotel liegt gleich neben dem Schifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt, in das sie die Verletzten bringen. Verzweifelte Angehörige suchen dort zwischen den Toten nach Verwandten. Das "Palestinian Centre for Human Rights" in Gaza versucht, auf seiner Internet-Webseite alle Angriffe zu dokumentieren, mit Ortsangaben und Zahlen von Toten und Verletzten.

Die Mitarbeiter der Organisation betonen aber, es sei derzeit "extrem schwierig", sich einen Überblick über die Zerstörungen zu verschaffen.Das Zentrum, das sich unabhängig nennt, berichtet zudem, viele palästinensische Familien hätten in der Nacht vor den Angriffen Anrufe des israelischen Geheimdienstes erhalten, in denen sie aufgefordert worden seien, ihre Häuser zu verlassen.

Christopher Gunnes, Sprecher der UN-Organisation für die Palästinensischen Flüchtlinge, spricht von "mindestens 57 zivilen Toten". Darunter war am Montag auch ein vierjähriges Mädchen, das bei einem Luftangriff auf ein Wohnhaus neben einer Moschee starb. Auch der palästinensische Journalist Safuat Al-Khalout lebt neben einem islamischen Gotteshaus und fürchtet nun, dass es bombardiert werden könnte. "Wir leben von Stunde zu Stunde", sagt Khalout am Telefon. Seine Frau ist im achten Monat schwanger. "Sie braucht einen Kaiserschnitt." In den Krankenhäusern aber fehlten die Narkosemittel.

Issa Nassar, der Bürgermeister von Gaza-Stadt, ist nach Rafah gefahren. Am Übergang zwischen dem Küstenstreifen und Ägypten hat er darauf gewartet, dass sich ein Tor im Grenzzaun öffnet, und am Nachmittag berichtet er, die ersten Hilfslieferungen seien auf dem Weg. Nicht nur die UN-Lager für Lebensmittel in Gaza sind wegen der israelischen Blockade schon seit Mitte Dezember leer. In den Kliniken fehlt es an einfachsten Dingen, an Einweghandschuhen und Medikamenten. Am Sonntag hatten Hunderte versucht, die Grenzmauer zu Ägypten zu durchbrechen. Sie wurden aber, wie Anwohner berichteten, von ägyptischen Grenzschützern mit Warnschüssen zurückgetrieben.

"Alles ist zerstört"

Bürgermeister Nassar sagt, es gebe schon jetzt 1400 Verletzte und 320 Tote. Er macht keinen Unterschied zwischen zivilen Opfern und Kämpfern der radikalislamischen Hamas, die Gaza seit Juni 2007 kontrolliert. "Es geht nicht mehr um die Hamas, sondern um das palästinensische Volk", sagt Nassar. Es gebe viele tote Frauen und Kinder, und die Angriffe gingen weiter. "Der Anblick ist schrecklich, überall ist Rauch, alles ist zerstört."

Israel setzt offensichtlich darauf, dass sich die Wut der Palästinenser auch gegen die Hamas wenden könnte. Aber die dürfte kaum gewillt sein, einfach aufzugeben, Märtyrertum und Widerstand sind Teil ihrer Ideologie. Bürgermeister Nassar drückt es so aus: "Das Recht wird siegen, und wir sind im Recht."

Im Hotel "Marna House" sind die Vorratskeller trotz allem noch gut gefüllt. "Wir sind reich, wir konnten es uns leisten, Vorräte anzulegen", sagt Schawwa. Viele Menschen in Gaza aber hätten "überhaupt nichts mehr". Gäste hat das Hotel schon länger keine. Israel verweigert ausländischen Journalisten seit Wochen die Einreise nach Gaza, und Geschäftsleute kommen auch nicht mehr, seitdem die Grenzen blockiert sind. Sein Restaurant hält Schawwa noch geöffnet, auch wenn die wenigen Besucher nicht kommen, "um meinen Kaffee zu trinken", sondern um mit Hilfe des Hotel-Generators ihre Handys aufzuladen, damit nicht alle Verbindungen abreißen.

Und was will Israel? "Die Hamas zerstören", sagt auch Schawwa, aber dafür müsste Israel "Gaza zerstören", denn "mehr als 50 Prozent der Menschen fühlen sich wohl mit der Hamas". Wie es ihm mit der Hamas geht, sagt er nicht. Schawwa aber betet, dass Israels Armee nicht noch versuchen wird, nach Gaza einzumarschieren. "Das wäre schrecklich. Ich hoffe, sie denken noch mal nach."

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(SZ vom 30.12.2008)