Gaza nach dem Krieg Düstere Drohungen, die alles lähmen

Gazastreifen: Tausende Häuser liegen in Trümmern, noch ist nicht absehbar, wie diese jemals wieder aufgebaut werden könnten.

(Foto: REUTERS)

Nach dem Waffenstillstand kommen die Hamas-Granden aus ihren Untergrund-Verstecken, verbreiten Siegesparolen und feiern sich. Vom Schicksal Tausender Familien, die alles verloren haben, wollen sie nichts wissen.

Von Peter Münch, Gaza

Umringt von einer Schar von Leibwächtern hat es sich Mahmud Sahar gemütlich gemacht. Entspannt lehnt er sich zurück in seinem Ohrensessel. Dann hebt er an zur großen Abrechnung. "Wir haben keine Angst vor Israel", sagt er, "wir können weiterkämpfen, und wir werden siegen."

Mahmud Sahar ist einer der Gründerväter der Hamas. Ein gelernter Kinderarzt und leidenschaftlicher Prediger, der wahrscheinlich schon mit erhobenem Zeigerfinder auf die Welt gekommen ist. Innerhalb der islamistischen Organisation gilt er als der Führer der Falken, unnachgiebig, unerbittlich in seinem Hass auf Israel. Seit dem jüngsten Krieg hat er noch einmal kräftig Auftrieb bekommen.

"Wir haben gewonnen, die Hamas ist nun zur unangefochtenen Vormacht geworden", erklärt er. Der Blick schweift nun stolz in die Ferne, doch seine Worte wären gewiss noch wirkungsvoller, wenn die Aussicht nicht gar so grotesk wäre. Denn Sahars Sessel samt Beistelltischen für Saft und Smartphone steht auf dem Bürgersteig genau gegenüber seiner Villa. Vom Sieg künden hier ein zerschossenes Dach und fünf Stockwerke hoch zerborstene Mauern.

Siegesparolen zwischen Ruinen

"Zum vierten Mal schon haben die Israelis mein Haus zerstört", sagt Sahar, der den 50 Tage dauernden Krieg in einem sicheren Untergrund-Versteck überstanden hat. Nach dem Waffenstillstand vom 26. August ist er, so wie alle anderen Hamas-Granden auch, wieder aufgetaucht wie Phoenix aus der Asche, um die Ruinen mit Siegesparolen zu füllen. "Der Feind hat nichts erreicht", verkündet er. "Aber wir haben es zum ersten Mal geschafft, den Krieg nach Israel hineinzutragen, wir haben Raketen bis nach Haifa geschossen und kein Quadratmeter war mehr sicher."

Zudem sei dies der "längste Krieg in der Geschichte Israels gewesen", auch das erfüllt ihn mit Freude. Dass es damit auch der längste Krieg für die Palästinenser war, erwähnt er nicht, genauso wenig wie die mehr als 2100 Toten, die 10 000 Verletzten, die 100 000 Obdachlosen und all die anderen, die alles einschließlich der Hoffnung verloren haben. Nichts davon lastet aus seiner Sicht auf ihm und der Hamas, denn dies ist ja das verheerende Werk des Feindes. "Es ist ein Sieg für uns, dass wir der Welt die wahre Natur Israels gezeigt haben", sagt er.

In der Welt des Mahmud Sahar ist die Hamas für den Lorbeer verantwortlich, nicht für die Dornen - und damit auch nicht für den Wiederaufbau des kriegszerstörten Gazastreifens . "Das ist die Aufgabe der Regierung", erklärt er. Tatsächlich ist es ja so, dass seit Juni eine von den verfeindeten Brüdern der Fatah und Hamas gebildete Einheitsregierung für alle Palästinenser verantwortlich sein soll. Offiziell hat sich die Hamas seitdem zurückgezogen. Sie regiert also nicht mehr - kontrolliert in Wahrheit aber immer noch alles.

"Das wird weitergehen bis zur Auslöschung Israels", sagt der Hamas-Führer

Von der beschworenen Einigkeit zwischen Hamas und Fatah ist allerdings längst nichts mehr zu spüren. Präsident Mahmud Abbas spricht von einer "Schattenregierung" der Hamas in Gaza und droht damit, die Einheitsregierung platzen zu lassen, wenn die Hamas nicht bereit sei, "alle bewaffneten Kräfte unter ein Kommando zu stellen". Doch Mahmud Sahar beeindruckt das wenig. Den Präsidenten nennt er einen "großen Lügner" und einen "Mann Israels", der Einheitsregierung gibt er gönnerhaft "höchstens noch zwei oder drei Monate". Und dann? "Der letzte Krieg war nur einer in einer langen Reihe", sagt er. "Das wird weitergehen bis zur Auslöschung Israels."

Es sind diese düsteren Drohungen, die letztlich alles lähmen in Gaza. Wer will sich schon an den Wiederaufbau seines Hauses und seines Lebens machen, wenn die nächste Katastrophe ohnehin bald kommt? Die Hoffnungslosigkeit hat ihre Widerhaken ausgeworfen über dem schmalen Küstenstreifen, die Menschen sagen, der Krieg war schlimm wie nie - und alles danach wird auch nicht besser. Normalität und Alltag funktionieren höchstens an der Oberfläche. Die Geschäfte haben wieder geöffnet, die Kinder gehen wieder zur Schule. Doch längst noch nicht in jeder Schule ist Platz für den Unterricht.

Vor den Klassenzimmern der Jungenschule "Königreich Bahrain", die im Namen den edlen Spender ehrt, trocknet viel Wäsche in der prallen Sonne. Im Hof steht ein Tankwagen für Trinkwasser, aus einem Lastwagen werden Kisten mit Konserven geladen. Insgesamt 3200 Menschen, deren Häuser im heftig umkämpften Stadtteil Schedschaija komplett zerstört worden sind, haben hier Unterschlupf gefunden und werden von UN-Helfern versorgt.