Tausende Tote, Verletzte und Traumatisierte: Ein Waffenstillstand in Gaza ist nah, weil der Preis für den Krieg zu hoch geworden ist.
Ägyptens Präsident Hosni Mubarak träumt bereits von einem glanzvollen Friedensgipfel in Scharm el-Scheich. Israels Premierminister Ehud Olmert aber will auf keinen Fall seine Unterschrift direkt neben die Paraphe eines Abgesandten der Hamas setzen, ob in Scharm el-Scheich oder sonst wo.
Bild vergrößern
Nicht mehr die Generäle, sondern Diplomaten entscheiden über Gewinner und Verlierer in Gaza: Israels Außenministerin Livni und US-Kollegin Rice in Washington. (© Foto: AFP)
Anzeige
Der Gaza-Krieg ist noch nicht zu Ende, aber darüber, wer sich zum Sieger erklären darf, und wem die Rolle des Verlierers zugedacht ist, darüber entscheiden schon nicht mehr die Generäle, sondern die zwischen Kairo, Jerusalem, Berlin und Washington hin und her eilenden Diplomaten.
Vieles spricht dafür, dass ein Waffenstillstand nahe ist, weil Israel nach drei Wochen Bombenhagel auf Gaza nur um einen sehr hohen Preis noch mehr erreichen könnte. Und weil die Kämpfer der Hamas in ihren Bunkern den Menschen in Gaza immer weniger erklären können, warum sie dieses Inferno noch länger ertragen sollen - wenn sie am Ende für all das Leid doch kaum etwas bekommen.
Jedenfalls nicht mehr als das, was ein nun in den Grundzügen bekanntgewordenes, von Ägypten ausgehandeltes Waffenstillstandsabkommen anbietet: Eine Aufhebung der israelischen Blockade für Lebensmittel an der Gaza-Grenze, und dafür ein Ende der Hamas-Schmuggel-Tunnelwirtschaft zwischen Gaza und Ägypten, damit die Islamisten ihre Raketen-Silos nicht wieder auffüllen können. Dazu einen Waffenstillstand mit Israel, der bis zu einem Jahr dauern und eine Verlängerungsoption haben soll.
Hat sich dafür ein Krieg gelohnt? Israel wird sagen: Ja. Weil es seine große militärische Überlegenheit und damit "Abschreckungsfähigkeit" unter Beweis gestellt hat; und weil die Hamas zumindest vorübergehend weniger Raketen aus dem Gaza-Streifen abfeuern kann.
Mehr als 1100 Tote, mehr als 5000 Verletzte, Tausende Traumatisierte, dazu zerstörte Schulen und UN-Gebäude aber sind ein hoher Preis für einen wenig spektakulären Sieg. Die Hamas in Gaza ganz zu vernichten, konnte sich Israel gar nicht leisten. Auch nach dem Krieg muss jemand für Ordnung im Chaos sorgen, Israel aber will die Verantwortung für die 1,5 Millionen Menschen in dem Küstenstreifen keinesfalls übernehmen. Deshalb dürften die Truppen nach Beginn des Waffenstillstands bald abziehen, schließlich werden die Israelis kaum mit der Hamas gemeinsam patrouillieren wollen.
Was hat der Krieg noch gebracht? Israels Waffengang hat die arabische Welt noch tiefer gespalten, und Israels Feinde in der Region werden entschlossener aufrüsten als bisher schon. Europa und Amerika haben spät, aber doch ihre Hilfe angeboten, einen Waffenstillstand abzusichern.
Frieden aber sieht anders aus. Der wird nicht in Schlachten errungen, sondern nur an Konferenztischen. Ägypten, das sich nun als geschickter Vermittler erwies, sollte damit gleich weitermachen. An diesem Tisch aber müssen dann viele sitzen: Israel, der Palästinenserpräsident, Syrien dazu, und wie jetzt, im Nebenzimmer, wieder auch die Hamas.
- Hamas "Nicht die Politik, sondern die Schlacht entscheidet" 17.01.2009
- Gaza-Konflikt UN-Vollversammlung verlangt sofortige Waffenruhe 17.01.2009
- Krieg im Gaza-Streifen Waffenruhe rückt näher 16.01.2009
- Krieg in Nahost "Gaza, eine wahre Hölle" 16.01.2009
- Politik kompakt Limburg: Priester von Aufgaben entbunden 04.05.2010
- Hamas-Propaganda Traumfabrik des Terrors 27.04.2010
- Nahost-Konflikt Grenzen der Wahrheit 25.04.2010
(SZ vom 17.01.2009/cag)
Müll am Fluss