Von Thorsten Schmitz

Unheimliche SMS-Botschaften: Ungeachtet der UN-Resolution für eine Waffenruhe setzt Israel seine Angriffe im Gaza-Streifen fort. Die radikalislamische Hamas droht in massenhaften Kurzmitteilungen mit Vergeltung, Israel informiert die Bewohner des Gaza-Streifens per Mobiltelefon über Angriffe.

Der Krieg zwischen Israels Armee und den Milizionären der radikalislamischen Hamas im Gaza-Streifen findet jetzt auch über Handys und Internet statt.

Bild vergrößern

Israelische Soldaten trauern um einen gefallenen Kameraden. Seit Beginn der Offensive im Gaza-Streifen am 27. Dezember kamen nach palästinensischen Angaben mehr als 780 Menschen ums Leben. Auf israelischer Seite starben drei Zivilisten und zehn Soldaten. (© Foto: Getty Images)

Anzeige

Tausende Israelis wurden in diesen Tagen von unheimlichen SMS-Botschaften auf ihren Handys überrascht: Die auf Hebräisch abgefassten Kurzmitteilungen kamen aus dem Gaza-Streifen und warnten, dass die Militäroffensive mit massiven Anschlägen in Israel vergolten würden.

Die holprige Botschaft lautete: "Raketen auf alle Städte. Bunker schützen nicht. Kassam-Raketen." Als Absender gab sich die Hamas zu erkennen.

Israels Armee nutzt auch die Handy-Nummern von Palästinensern im Gaza-Streifen, um Warnungen zu versenden. Israelische Kampfflugzeuge werfen nicht nur Flugblätter ab, auf denen die Bevölkerung über bevorstehende Angriffe informiert wird. Manche Bewohner werden über ihre Funktelefone entweder persönlich oder durch automatisierte Ansagen vom Verteidigungsministerium in Tel Aviv aufgefordert, die Wohnungen und Häuser zu verlassen wegen bevorstehender Angriffe.

Im israelischen Verteidigungsministerium werden die an Zehntausende israelische Handys versendeten SMS als Beweis für die Ruchlosigkeit der Hamas gewertet. Ein Armee-Sprecher sagte: "Wenn wir Warnungen an die Palästinenser verschicken, dann wollen wir Leben erhalten. Hamas aber will Angst einjagen und Leben zerstören."

Auf Flugblättern der Luftwaffe werden die Bewohner des Gaza-Streifens aufgefordert, eine Nummer in Ramallah oder in Jerusalem anzurufen, wenn sie der Armee Informationen geben möchten. Weil Kollaboration mit Israel von Hamas mit Exekution bestraft wird, heißt es auf den Flugblättern: "Bitte halten Sie Ihren Telefonanruf zu Ihrer eigenen Sicherheit geheim."

Die Kämpfer der Hamas verstehen offenbar auch etwas von High Tech. Mehrere israelische Internetseiten wurden von Hamas-Hackern mit Propaganda geflutet, darunter die Webseite der israelischen Discount-Bank und des Hillel-Jaffe-Krankenhauses in Chadera.

Auf beiden Seiten fanden Kunden und Patienten statt Daten plötzlich für mehrere Stunden schockierende Fotos von getöteten Palästinensern und Hass-Tiraden gegen Israel und die USA. Ein Foto zeigte das Grab eines im Gaza-Krieg getöteten israelischen Soldaten, darunter der Satz: "Das Schicksal Eurer Soldaten."

Der Kampf um das beste Bild wird auch zwei Wochen nach Beginn des Gaza-Kriegs unermüdlich fortgesetzt. Palästinensische Mitarbeiter internationaler Fernsehsender berichten aus dem Gaza-Streifen, dass Hamas nicht erlaube, bewaffnete Kämpfer zu filmen. Das erklärt, weshalb bis heute kein einziges Bild vom Gaza-Krieg Kämpfer der Hamas zeigt, die Raketen auf Israel abfeuern. Im ZDF-Auslandsjournal berichtete der palästinensische Mitarbeiter Machmud Dschaber, dass Hamas ihn bereits mehrfach daran gehindert habe, lebende Hamas-Kämpfer zu filmen.

Umgekehrt bestimmt auch Israel das Bild vom Krieg. Noch immer dürfen keine ausländischen Journalisten in das Kriegsgebiet reisen. Dafür hat die Armee ein paar israelische Militär-Reporter für einen Besuch von Bodentruppen mitgenommen. Die Bilder von der Kampfzone müssen vor der Ausstrahlung dem Militärzensor vorgelegt werden.

Was der erlaubt, birgt keinen großen Erkenntniswert. In einem Gespräch mit Soldaten, die ein palästinensisches Familienhaus im Norden des Gaza-Streifens zu einem Einsatzquartier umfunktioniert haben, sagt einer: "Wir sind hier, weil wir unsere Heimat Israel verteidigen." Ein anderer Soldat winkt in die Kamera und sagt: "Mama, mach Dir keine Sorgen."

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Richter gegen Richter

Zoff im Bundesgerichtshof: Eine Personalie führt zu heftigen Verwerfungen – die Akte Karlsruhe. Seite Drei Jetzt lesen ...

(SZ vom 10.01.2009/cag)