Gaza Heiliger, dunkler Monat

Palästinensische Kinder lesen bei Kerzenschein, höchstens vier Stunden am Tag gibt es noch Strom in Gaza. Ein Ende ist erst einmal nicht absehbar: Israel will künftig 40 Prozent weniger Strom in den Gazastreifen liefern.

(Foto: Thomas Coex/AFP)

Die Palästinenser im Gazastreifen leiden unter Stromausfällen. Die Hamas gerät in Bedrängnis, weil durch die Golfkrise auch die Hilfe aus Katar ausbleibt.

Von Peter Münch, Gaza-Stadt

Acht schwarze Schornsteine ragen in den Himmel über Gaza. Stahlblau ist dieser Himmel, kein Wölkchen entweicht aus den Schloten, und kein Mensch ist zu sehen hinter dem meterhohen Stacheldrahtzaun, der das einzige Kraftwerk im palästinensischen Küstenstreifen umgibt. Seit April steht die Anlage schon still, weil die Hamas-Regierung den zum Betrieb nötigen Diesel-Treibstoff nicht mehr bezahlen kann. An den 10. Jahrestag ihrer Machtübernahme durch einen blutigen Putsch im Juni 2007 erinnern die islamistischen Herrscher ihre zwei Millionen Untertanen deshalb nicht mit einem Feuerwerk oder einer Militärparade, sondern mit einem Blackout.

Das still liegende Kraftwerk und die Schornsteine ohne Rauch stehen für eine Dekade des Versagens. Was die Hamas den Menschen gebracht hat, sind drei Kriege gegen Israel und eine allgemeine Verelendung. Asmahan al-Taluli wird das später in ihrer ärmlichen Behausung noch wütend bekräftigen. Und im Glanze seiner Macht wird ihr Mustafa Sawaf von der Hamas widersprechen. Doch jeder kann sehen, dass es hier an Jobs fehlt, an Perspektiven und auch an Freiheit. Und ganz dringend fehlt es derzeit an Strom. Vier Stunden höchstens gibt es ihn täglich, bald dürften es noch weniger sein. Ohne Strom kann auch das salzige Trinkwasser nicht mehr behandelt werden, und alle Abwässer fließen ungeklärt ins Meer. Es ist ein trauriges Jubiläum im Fastenmonat Ramadan. Doch womöglich ist das erst der Anfang, es kann noch schlimmer kommen.

Unter Druck hat die Hamas immer einen Ausweg gewählt: Krieg

Über der Hamas braut sich gerade ein Sturm zusammen, wie sie ihn in den zehn Jahren ihrer Herrschaft noch nicht zu gewärtigen hatte. Die Kampfansagen kommen von vielen Fronten, von außen wie von innen. Ihre Macht scheint erstmals ernsthaft bedroht zu sein - und wenn es eng wird für die Hamas, dann wird es gefährlich für die ganze Region. Denn unter Druck haben ihre Führer noch nie den Rückzug angetreten, sondern immer nur einen Ausweg gewählt: Krieg.

Schockwellen nach Gaza sendet zum einen die Katar-Krise. Das Reich der Hamas hängt schon lange am Tropf aus Doha. Der Emir hat Milliarden gezahlt für den Wiederaufbau, er lässt gerade eine neue Küstenstraße bauen, und auch den notwendigen Dieselkraftstoff bei der letzten Stromkrise im Januar hat er gezahlt. Nun aber fordert der saudische Außenminister Adel al-Dschubeir die Katarer ultimativ auf, die Verbindung zur Hamas zu kappen. Als erstes Zeichen des Nachgebens wurden bereits mehrere hochrangige Hamas-Funktionäre, die es sich im katarischen Exil gut gehen ließen, des Landes verwiesen. In der arabischen Welt droht der Hamas nun die komplette Isolation, und selbst eine aus der Not geborene neue Hinwendung zu Iran dürfte ihre Lage kaum verbessern.

Zum Angriff bläst zehn Jahre nach der Vertreibung aus Gaza plötzlich auch die von Präsident Mahmud Abbas geführte Fatah in Ramallah. Der greise Abbas setzt darauf, die Hamas in die Knie zu zwingen, in dem er die humanitäre Krise im Gazastreifen anheizt. Stärkstes Druckmittel: der Strom. So erzwang er zum einen mit einer neuen Dieselsteuer die Stilllegung des Kraftwerks. Zum anderen hat er bekanntgegeben, dass seine Autonomiebehörde künftig nur noch stark eingeschränkt für den Strom zahlen werde, der von Israel aus als letzte Rettung nach Gaza geliefert wird.

Der UN-Sondergesandte für den Nahost-Friedensprozess Nickolay Mladenov hat angesichts dieser "einzigartigen Energiekrise" bereits vor einer "Explosion" im Gazastreifen gewarnt. "Wenn nicht sofort etwas unternommen wird zur Deeskalation", so erklärte er, "droht die Krise außer Kontrolle zu geraten - mit verheerenden Folgen für Palästinenser und Israelis." Dennoch beschloss das israelische Sicherheitskabinett zu Wochenbeginn, den harten Kurs von Abbas gegen die Hamas zu unterstützen und die Elektrizitätslieferungen um 40 Prozent zu kürzen. Der Stromstreit sei "eine interne palästinensische Angelegenheit", argumentiert Premierminister Benjamin Netanjahu. Und der für Innere Sicherheit verantwortliche Minister Gilad Erdan hofft, dass dieser Hebel Wirkung zeigt: "Es kann sein, dass die Palästinenser nun anfangen zu begreifen, welche Katastrophe die Hamas für sie bedeutet."

Als ob sie das nicht schon längst wüssten. Gewiss, bei den letzten Wahlen 2006 hatte eine Mehrheit für die Hamas gestimmt. Doch die darauf folgende israelische und mittlerweile auch ägyptische Blockade haben den Gazastreifen zum Elendsgebiet gemacht, und die Menschen mussten erkennen, dass ihre Not den Herrschern weitgehend egal ist. Proteste werden brutal niedergeschlagen. Doch einer wie Mohammed al-Taluli will sich selbst davon nicht mehr abschrecken lassen. Im Januar hatte der 25-Jährige einige Protestkundgebungen wegen der aufziehenden Stromkrise organisiert. Tausende gingen auf die Straße, es waren die bislang größten öffentlichen Demonstrationen gegen die Hamas-Herrschaft - und sie wurden niedergeknüppelt. Mohammed al-Taluli kam ins Gefängnis, wurde freigelassen und wieder verhaftet. Nun sitzt seine Mutter Asmahan al-Taluli in seinem Zimmer, an der Wand hängen Bilder von Jassir Arafat und dem Hamas-Gründer Ahmed Scheich Yassin, von Nelson Mandela und Che Guevara, und ihre Wut, die Wut einer Mutter, ist längst größer als die Furcht.

"Ich war gerade bei der Polizei und habe gefragt, was wollt ihr denn schon wieder von meinem Sohn", ruft sie. "Er redet zu viel, haben sie gesagt." Natürlich hat sie Angst um ihn, natürlich hat sie ihn früher oft bekniet, sich vom Ärger fernzuhalten. "Du weißt doch nichts vom Leben in Gaza", hat er gesagt. "Zehn Jahre habe ich verloren unter der Hamas, und wenn keiner etwas tut, dann geht das Leiden immer weiter." Das hat auch die Mutter überzeugt. Auch sie will sich nicht mehr den Mund verbieten lassen, und den Polizisten, die ihren Sohn eingesperrt haben, hat sie gesagt: "Die Hamas-Führer haben doch alle Strom zu Hause, nur wir haben keinen."

"Wie sehr auch immer die Leute leiden in Gaza, sie werden den Widerstand niemals aufgeben."

"Nein, das stimmt nicht", sagt Mustafa Sawaf, als man ihn mit Volkes Stimme konfrontiert. Er bittet in sein schummriges Wohnzimmer und sagt fast triumphierend: "Auch ich habe keinen Strom." Sawaf verantwortet die Kulturpolitik der Hamas in Gaza, die Wohnungseinrichtung verrät, dass er geschmacklich eher dem palästinensischen Barock verhaftet ist. Politisch gilt er als vergleichsweise moderat, doch das sollte niemand mit nachgiebig verwechseln. Gegen die Strom-Proteste müsse man "mit harter Hand vorgehen", erklärt er - und zieht einen Vergleich zu den Verhaftungswellen nach Terrorangriffen in Europa. "Das gleiche Recht zur Verteidigung des Volkes haben wir auch."

Von seinem gediegenen Wohnzimmer aus sieht die Lage anders aus als von draußen. "Bei dieser Krise geht es doch gar nicht um Essen oder Strom, das sind nur kleine Probleme", versichert er. "In Wirklichkeit geht es um die Frage, ob wir uns der israelischen Besatzung ergeben oder ob wir standhaft bleiben." Standhaft bleiben, das sei Aufgabe der Hamas - deshalb stehe das Volk auch noch voll und ganz hinter der Führung. "Wie sehr auch immer die Leute leiden in Gaza, sie werden niemals den Widerstand aufgeben", sagt er.

Wenn sich die Familie al-Taluli am Abend zum Iftar, dem Fastenbrechen, versammelt, dann sitzen sie bei Kerzenschein oder im kalten Licht von batteriegetriebenen Lampen. Es gibt Gemüse und Reis, alles andere würde ohne Strom und Kühlung verderben. 14 Kinder sitzen an der Tafel, doch ein Platz bleibt leer, solange Mohammed im Gefängnis sitzt. Er sitzt dort, weil er den Widerstand nicht aufgegeben hat. Den Widerstand gegen die Hamas.