Gaucks Gedenken an NS-Opfer "Es verletzt unser Empfinden für Gerechtigkeit tief"

Italiens Präsident Giorgio Napolitano and Bundespräsident Joachim Gauck haben in Sant'Anna di Stazemma der Opfer eines SS-Massakers gedacht. 

(Foto: REUTERS)

Binnen Stunden tötet die SS 1944 im italienischen Sant'Anna mehr als 400 Menschen. Juristisch ist der Fall nach fast 70 Jahren noch immer nicht geklärt. Jetzt hat Joachim Gauck als erster Bundespräsident den Ort besucht.

"Hier wurde die Menschenwürde mit Füßen getreten und Menschenrechte massiv verletzt". Hier starben bei einem Massaker der Waffen-SS 1944 mehr als 400 Menschen: Sant'Anna di Stazzema ist ein wichtiger Erinnerungsort an die Gräueltaten der NS-Zeit. Bundespräsident Joachim Gauck hat das toskanische Bergdorf am Sonntag gemeinsam mit dem italienischen Staatschef Giorgio Napolitano besucht.

In seiner Rede rief Gauck dazu auf, Versöhnung als ein Geschenk zu betrachten. Versöhnung meine nie und auf keinen Fall Vergessen. "Die Opfer haben das Recht auf Erinnerung und Gedenken. Das Verbrechen, das hier stattgefunden hat, darf niemand, der davon weiß, vergessen." Napolitano sagte, diese Erinnerung sei ein Fundament Europas. Deutschland und Italien ließen sich heute nicht vom gemeinsamen Aufbau Europas abhalten. Zum Gedenken legten beide Politiker Blumengebinde an einem Denkmal nieder.

Bei dem Massaker am 12. August 1944 hatten SS-Truppen in der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs innerhalb weniger Stunden alle Häuser des Dorfes in den Apuanischen Alpen zerstört und zwischen 400 bis 500 Menschen getötet. Gauck besuchte den Ort in der Nordtoskana als erster Bundespräsident. Er war nur für die Kranzniederlegung nach Italien geflogen. Gauck hatte sich Ende Februar spontan zu dem gemeinsamen Besuch entschlossen, nachdem Napolitano ihm den Brief eines Überlebenden überreicht hatte.

Der Bundespräsident sprach auch die äußerst schwierige und immer noch nicht abgeschlossene juristische Aufarbeitung des Verbrechens an. "Es verletzt unser Empfinden für Gerechtigkeit tief, wenn Täter nicht überführt werden können, wenn Täter nicht bestraft werden können, weil die Instrumente des Rechtsstaates dieses nun einmal nicht zulassen", sagte er. Das moralische Empfinden sei damit aber nicht beruhigt. Ein Urteil über gut und böse sei auch möglich, wenn Gerichte nicht zu einem Schuldspruch kämen. Denn es gebe nicht nur eine strafrechtliche, sondern auch eine politische Schuld. "Wir, die Öffentlichkeit, nennen die Schuld Schuld", sagte Gauck unter Beifall.

Das Massaker wurde im Kalten Krieg lange verschwiegen und von Italiens Justiz nicht verfolgt. Die Akten lagerten bis zum Jahr 1994 in einem versiegelten Schrank, später "Schrank der Schande" genannt. Zehn ehemalige SS-Angehörige wurden später zwar zu lebenslänglicher Haft und Entschädigungszahlungen verurteilt, traten ihre Strafe aber nie an. Langjährige Ermittlungen der Stuttgarter Staatsanwaltschaft wurden im Jahr 2012 eingestellt. Sie teilte mit, den Beschuldigten könne keine noch nicht verjährte strafbare Beteiligung nachgewiesen werden. Dagegen hat ein Opferverband des Ortes jedoch Einspruch eingelegt.