Gauck über Snowden Interpretationen eines Interviews

Bundespräsident Joachim Gauck mit seinem US-Amtskollegen Barack Obama bei dessen Berlin-Besuch im Juni.

(Foto: Getty Images)

Über den Bundespräsidenten ist ein Shitstorm hinweggefegt. Ein Interview, in dem er sich auch zu Edward Snowden äußert, wurde unter größtmöglicher Verkürzung zusammengefasst zur Aussage: Gauck halte den Ex-Mitarbeiter des US-Geheimdienstes vor allem für einen Verräter. Doch das stimmt so nicht.

Von Stefan Braun, Berlin

So kann das gehen, wenn alle Welt in einem zuallererst den Freiheitskämpfer sieht. Dann nämlich kann es einem passieren, dass man schon bei den kleinsten Differenzierungen größte Verwirrungen auslöst. Das jedenfalls muss Joachim Gauck derzeit erleben.

Über den Bundespräsidenten, für den Freiheit in der Tat ein großes Thema ist, fegt derzeit ein Internet-Sturm hinweg. Der Grund: Ein Interview, in dem er sich auch zu Edward Snowden äußert, wurde unter größtmöglicher Verkürzung zusammengefasst mit den Worten, Gauck halte den Ex-Mitarbeiter des US-Geheimdienstes vor allem für einen Verräter.

Einmal so interpretiert und ins weltweite Netz hinausgerufen, hat sich die Botschaft verselbständigt - und bei Freunden des Ex-Geheimdienstmitarbeiters entsprechende Reaktionen ausgelöst. Seither wird Gauck als Snowden-Gegner gebrandmarkt, als Feind der Freiheit und der Aufklärung. Vermutlich gibt es keinen Vorwurf, der den ehemaligen Pfarrer und Bürgerrechtler Gauck mehr verletzen könnte.

Zumal der Vorwurf falsch ist. Tatsächlich hat sich Gauck im Interview mit dem ZDF nur differenziert geäußert. Er sagte, er hätte gerne konkretere und vor allem mehr Informationen, um über Snowden selbst etwas sagen zu können. Im übrigen gebe es für ihn zwei Überzeugungen: Wer so etwas öffentlich mache, weil ein Staat oder ein Arbeitgeber das Recht beuge, der handele absolut richtig und hätte jederzeit seine Sympathie. Wer dagegen ohne eine solche Begründung den Vertrauensschutz breche, der begehe schlicht Verrat. Letzteres war nicht auf Snowden gemünzt - und ist doch genau so bewertet worden.

Gauck will ein bisschen kämpfen, aber nicht extra auftreten

Und jetzt? Jetzt hängt der Bundespräsident ein bisschen fest im Kampf gegen diese Behauptung. Denn obwohl er das rein technisch natürlich könnte, möchte er jetzt nicht extra auftreten und sich noch einmal erklären. Das könnte sehr schnell wie ein Versuch wirken, sich selbst zu korrigieren. Wie schnell das geht, konnte er diese Woche schon erleben. Als er sich einen Tag nach dem Interview vor Diplomaten äußerte und im Datensammel-Skandal der Amerikaner mehr Aufklärung forderte, wurde ihm das als Kurswende ausgelegt. So schnell geht das inzwischen.

Dabei dürfte den Präsidenten besonders wurmen, dass er zusehen muss, wie im ZDF mancher selbst das Interview im eigenen Sender nicht wirklich ansieht, bevor er die Behauptung übernimmt. Anders lässt sich jedenfalls kaum erklären, dass auch der ZDF-Talker Markus Lanz in seiner Sendung erklärt, Gauck habe Snowden "Hochverrat" vorgeworfen. Gegen so viel Ungenauigkeit ist selbst ein Präsident ziemlich machtlos.