Bundespräsident in den USA Gauck schmeichelt, schwärmt - und kritisiert

U.S. President Barack Obama meets German President Joachim Gauck in the Oval Office of the White House in Washington U.S. President Barack Obama meets German President Joachim Gauck in the Oval Office of the White House in Washington October 7, 2015. REUTERS/Kevin Lamarque

(Foto: Kevin Lamarque/REUTERS)
  • Bundespräsident Gauck betont bei seinem Besuch im Weißen Haus die wichtige Rolle der USA für die Entwicklung einer stabilen Demokratie in Deutschland.
  • Trotzdem kritisiert er die Supermacht - für die Spähattacken des Nachrichtendiensts NSA und Militäreinsätze im Nahen Osten.
  • Das Gespräch mit US-Präsident dauert eine Stunde - mehr als ursprünglich geplant.
Von Constanze von Bullion, Washington

Wer wissen will, wie die Reise des Präsidenten in die Vereinigten Staaten verläuft, kann sich einen besorgten kleinen Bruder vorstellen. Er will dem großen Bruder einen Besuch abstatten, um ihn wachzurütteln - nur dass große Brüder sich eben nicht gern rütteln lassen. Das Oval Office im Weißen Haus am Mittwochmittag, vor einem Kamin und einer Martin-Luther-King-Büste in Bronze sitzt ein sichtlich aufgeregter Joachim Gauck kerzengerade in einem Sessel. Neben ihm hat US-Präsident Barack Obama die Beine übereinandergeschlagen, er wirkt ein wenig resigniert. Weiter hinten im Raum stehen US-Vizepräsident Joe Biden und Außenminister John Kerry. Es ist ein großes Aufgebot für den Mann aus Rostock. Später wird er das hier eine "Pilgerreise" nennen.

Gauck verneigt sich tief, bevor es ans Eingemachte geht

Der Bundespräsident zu Besuch in den Vereinigten Staaten: Joachim Gauck will im Einheitsjahr dafür werben, dass Deutschland und die USA wieder enger zusammenrücken. In Zeiten schwindenden Interesses vieler US-Amerikaner an Europa will das deutsche Staatsoberhaupt den transatlantischen Partner umarmen, aber auch an das erinnern, was ihn groß gemacht hat: die Durchsetzung von Freiheitsrechten jedes einzelnen Bürgers. Ein Anliegen, das in den USA schon einmal ernsthafter verfolgt wurde, wie Gauck findet.

Wie aber stellt ein Amerika-Freund wie Gauck das an? Wie versichert er dem großen Bruder seine Verbundenheit und macht ihm dabei dennoch klar, dass es so nicht weiter gehen kann im Umgang miteinander? Indem er sich tief verneigt, bevor es ans Eingemachte geht.

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Obama lobt die Rolle Gaucks für das wiedervereinigte Deutschland

Zunächst aber ist der US-Präsident an der Reihe, der im Oval Office, einem Salon von altmodischem Charme, seinen "wunderbaren Freund" aus Deutschland begrüßt. Gauck sei ein Mann mit einem "außergewöhnlichen Leben", der vor und nach der deutschen Teilung eine bedeutende Rolle gespielt habe.

Als die Höflichkeiten zur Neige gehen, kommt der US-Präsident auf die positive Rolle der Deutschen in den Gesprächen mit Iran zu sprechen, auf die "tragischen Ereignisse in Syrien" und die Flüchtlingsbewegungen, auf welche die Deutschen "mit großer Humanität" reagiert hätten. Gauck revanchiert sich für das Lob mit der Bemerkung, die USA könnten mehr helfen in der Flüchtlingskrise: "Wir wünschen uns, dass diese große humanitäre Aufgabe nicht nur in Europa, sondern auch in den Vereinigten Staaten betrachtet wird."

Später wird Gauck hinzufügen, er sei sich mit Obama einig gewesen, dass die Flüchtlingszahlen eine "große Gefahr für die Stabilität auch in Deutschland" darstellten. Ob der US-Präsident auch die Regierung von Angela Merkel in Gefahr sehe, erkundigt sich da ein Journalist. Keineswegs, versichert Gauck eilig, der Herr Präsident sei ein "kenntnisreicher Mann", von solchen Sorgen sei "nichts zu spüren gewesen".