Gauck in Budapest In schwieriger Gesellschaft

Der Präsident der Slowakei, Kiska (l-r), der polnische Präsident Komorowski, der ungarische Präsident Ader, Bundespräsident Gauck und der tschechische Präsident Zeman auf dem Neuen Zentralfriedhof in Budapest

(Foto: dpa)

Bundespräsident Joachim Gauck ehrt in Budapest die Opfer der kommunistischen Herrschaft - und gerät dabei in die Mühlen der ungarischen Gedenkpolitik.

Von Constanze von Bullion, Budapest

Sie mag friedlich gewesen sein, die Revolution von 1989, das Szenario in der Gedenkstätte für die "Märtyrer" ist es eher nicht. Bajonette der Ehrengarde stechen in die Luft und Säbel werden geschwungen, ein Uniformierter brüllt, bevor vor aufgepflanzten Fahnen die ungarische Nationalhymne angestimmt wird.

Montag auf dem Budapester Friedhof Rákoskeresztúr, das hier ist eine nationale Gedenkstätte Ungarns, in der an die Opfer der Willkürherrschaft im kommunistischen Ungarn erinnert wird. Hunderte hölzerner Gedenkstelen stehen hier wie stumme Zeugen, an diesem Tag lehnt an jeder Stele eine Rose. Ein paar Meter weiter warten ältere Herrschaften in dem offenen Pavillon, es sind Zeitzeugen des Ungarnaufstands von 1956. Manche tragen Orden am Revers, manche Damen Hut, und in der ersten Reihe der Festgemeinde sitzt Bundespräsident Joachim Gauck in nicht ganz unkomplizierter Gesellschaft.

Für Gauck ist das hier die zweite Etappe seiner Rundreise durch fünf ehemalige Ostblockstaaten, in denen er mit den Präsidenten Polens, Tschechiens, der Slowakei und Ungarns an die friedliche Revolution vor 25 Jahren erinnert. Nach dem Auftakt in Polen vor zwei Wochen, bei dem das Erinnern ein wenig ins Abseits geriet wegen des Besuchs von Barack Obama, ist nun also Ungarn an der Reihe, wo der Eiserne Vorhang zuerst durchtrennt wurde.

Erst einmal aber geht es hier um eine Ikone im nationalen Gedächtnis Ungarns: um Imre Nagy, der als Ministerpräsident den Volksaufstand von 1956 stützte und dafür zum Tode verurteilt wurde. Seine Leiche übergoss man mit Säure und verscharrte sie in einem Massengrab, irgendwo hier, im Wald hinter dem Friedhof Rákoskeresztúr, Gesicht nach unten.

Vergessen aber haben die Ungarn Nagy nie, und als die kommunistische Regierung im Frühjahr 1989 in den Strudel der Demokratiebewegung geriet, stimmte sie seiner Umbettung zu. Die Trauerfeier am 16. Juni geriet zur Massenkundgebung und wurde zu einem der Zündfunken, die bald ganz Osteuropa anstecken sollten. In Ungarn wurde, auch aus finanziellen Gründen, die Bewachung der Grenze nach Österreich aufgegeben, das öffnete 50 000 DDR-Bürgern den Weg nach Westen. Diejenigen, die damals Imre Nagy verehrten, viele anti-kommunistische und christliche Studenten, sind heute die Regierenden in Ungarn - und im nationalkonservativen Lager gelandet. Ministerpräsident Viktor Orbán etwa, der bei der Feier fehlt, aber auch Staatspräsident János Áder, der spricht.

Mischung aus Pathos und Historienmalerei

"Die Freiheitsbewegungen in Mittel- und Osteuropa haben einander inspiriert", sagt Áder, bevor er den "Märtyrern" von 1956 dankt und den "Helden, die die Flamme der Freiheit weitergetragen haben". Die Mischung aus Pathos und Historienmalerei ist vielleicht nicht jedermanns Sache. Bekannte ungarische Bürgerrechtler von 1989 jedenfalls, die heute wieder Abstand halten zur Regierung, kommen nicht zu der Feier - oder sind nicht eingeladen.

Ein paar Aktivisten der geplagten Zivilgesellschaft Ungarns haben Gauck am Vorabend getroffen. Die Presse ist in der Runde nicht zugelassen. Aber nach dem Wenigen, was man erfährt, haben sie Gauck recht deutlich die Meinung gesagt. In einem Land, das die Versprechen der Revolution, also Pressefreiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie nur widerstrebend einlöst, haben sich ehemalige Freiheitskämpfer sehr gut zu überlegen, was sie bei einer Feier verloren haben, die nationaler Selbstvergewisserung dient.

Gauck fühlt sich nicht rundum wohl

Gauck ist anzumerken, dass er sich nicht rundum wohl fühlt bei seinen Gastgebern. Er weiß auch, so drückt er das manchmal aus, dass Geschichte Macht ist in den Händen derer, die heute leben. Sie wird benutzt, sie wird verbogen, dient der Instrumentalisierung, auch von Zeitzeugen. Wie das geht, wird eine Stunde später demonstriert. Da führt man die fünf Präsidenten durch das "Haus des Terrors", ein Museum. In großzügigem Schwung werden hier zwei Diktaturen, die nationalsozialistische und die kommunistische, zusammengespannt. Im Foyer steht ein rostiger russischer Panzer, dann geht es vorbei an sozialistischen Kissen, faschistischen Armbinden und Berichten aus dem Gulag, die mit dräuender Musik untermalt sind.

Kritiker bemängeln, dass die Ungarn hier als Opfervolk vorkommen, ihre Kollaboration mit Nazi-Deutschland aber ausgespart wird. Museumsleiterin Maria Schmidt erklärt dann, dass "die Verbrechen des Kommunismus im Weltmaßstab keineswegs geringer waren" als die des Nationalsozialismus. Da beginnen bei Gauck die Kiefer zu mahlen, aber als er später am Rednerpult steht, sagt er nur, der Vergleich der Diktaturen erfolge "nicht in der Absicht, das zu relativieren". Die Lektion der Geschichte, das sei die "Hybris der Macht" - und wie sie den Rechtsstaat überwältigt. Deutlicher möchte Gauck an diesem Tag nicht werden.