Gastkommentar Inklusion mit Augenmaß

Gemeinsamer Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung ist möglich, er darf aber nicht erzwungen werden.

Von Michael Felten

Der Streit um G 8 und G 9, also um die Länge der Gymnasialzeit beschäftigt derzeit Eltern, Schüler und Lehrer. Dabei könnte sich ein anderes Schulthema als noch brisanter erweisen: die Inklusion, der gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderungen. Dessen Durchsetzung mit der Brechstange stellt unser ohnehin labiles Bildungssystem vor eine Zerreißprobe.

Ein Blick nach Nordrhein-Westfalen - hier ist man in Sachen Inklusion besonders forsch - könnte andere warnen. Im bevölkerungsreichsten Bundesland dürfen immer weniger behinderte Kinder Förderschulen besuchen, die meisten müssen langfristig am Regelunterricht teilnehmen. Bisweilen betreut sie zwar zusätzlich ein Sonderpädagoge, in vielen Stunden aber nicht. Die bisherigen Spezialschulen löst die Schulministerin nach und nach auf, das Elternwahlrecht wird ausgehöhlt. Die Begründung lautet: Nur unter Regelschülern können sich behinderte Kinder gut entwickeln. Die Folgen sind: behinderte Kinder, die man nur noch ruhigstellt; engagierte Lehrer, die sich vorzeitig pensionieren lassen; eine Heterogenität in den Klassen, die nicht mehr zu bewältigen ist.

Die radikale Inklusionsschule ist ein grotesker Menschenversuch

Aber ist das Prinzip der Inklusion nicht vorgegeben durch die Vereinten Nationen? Die UN-Behindertenrechtskonvention sollte in der Tat dafür sorgen, dass auch Kinder mit Handicaps freien Zugang zum Bildungswesen haben - aber sie verlangt eben gerade nicht, Förderschulen abzuschaffen. Diese sind ja genau jener Teil des allgemeinen Schulsystems, der spezifische Unterstützung bietet - was laut UN-Konvention ausdrücklich keine Diskriminierung ist. Oberstes Kriterium muss immer das Wohl des einzelnen Kindes sein.

Das Entwicklungswohl behinderter Kinder ist immer eine individuelle Frage. Empirische Studien belegen, dass inklusiver Unterricht in der Primarstufe positiv wirkt, aber nur unter optimalen Bedingungen. Dagegen tut sich in Sekundarstufe und Pubertät eine regelrechte Forschungslücke auf. Prinzipiell überschätzen Inklusionsbefürworter das selbstgesteuerte Lernen und unterschätzen die Tiefe kindlicher Entwicklungsstörungen und den Bedarf an Schonraum durch die Betroffenen.

Man könnte den Forschungsstand so bilanzieren: Entscheidend sind Unterrichtsqualität und Förderressourcen, nicht aber die Schulstruktur. Erfolgreichere Bundesländer wie Bayern stellen denn auch die Sonderpädagogik nicht ins Abseits, sondern haben inklusive Angebote geschaffen, die Förderschulen als Schonräume für die Entwicklung aber erhalten - und damit auch die elterliche Wahlfreiheit.

Für radikale Inklusionisten gibt es also keine Argumente aus der Wissenschaft - wohl aber finanzielle und ideologische. Zum einen gilt die Inklusionsschule insgeheim als Sparmodell: Man kann Gebäude abstoßen, Gehälter einsparen, Förderkräfte reduzieren. Regellehrer werden am Wochenende mal eben sonderpädagogisch upgedatet, hoch qualifizierte Förderlehrer dagegen lässt man stundenweise beratend von Schule zu Schule rasen. "Gemeinsames Lernen" klingt paradiesisch, würde aber in letzter Konsequenz das gegliederte Schulsystem sprengen. Wenn jedes Kind jede Schule besuchen könnte und dort nur noch nach seinen Maßstäben gemessen werden würde, dann hätten wir landesweit eine aussagearme Einheitsschule. Wollen wir das wirklich?

Man kann durchaus bestimmte Schüler mit speziellen Beeinträchtigungen erfolgreich an Regelschulen integrieren - aber eben nicht umsonst: körperbehinderte Kinder etwa - falls es geeignete Räume und Hilfsmittel gibt; oder auch Flüchtlingskinder am Gymnasium - bei entsprechendem Potenzial, und nach einem Crashkurs in Deutsch. Aber es gibt Grenzen. Lehrer können sich nun mal nicht beliebig auf unterschiedlichste Potenziale und Probleme aufteilen. Und Lernbehinderte am Gymnasium, Kinder mit Down-syndrom an Realschulen - ist das nicht reichlich surreal? Es steht nur niemand auf und sagt: "Was soll der Unsinn? Das führt doch ins Abseits!" Warum geschieht diese Demontage des Bildungswesens so lautlos, werden Bedenken nur hinter vorgehaltener Hand geäußert? Viele paralysierende Momente sind wohl beim Thema Inklusion im Spiel: Mitleid, die Hoffnung auf eine menschlichere Gesellschaft, womöglich auch späte Schuldreflexe nach der NS-Euthanasie - oder die Angst vor dem Vorwurf politischer Inkorrektheit.

Dabei ist die radikale Inklusionsschule selbst ein grotesker Menschenversuch. Oder wie anders soll man es nennen, wenn die Düsseldorfer Landesregierung sich einerseits damit brüstet, "kein Kind zurückzulassen", andererseits aber Verhältnisse schafft, die gerade die Schwächsten benachteiligen- die bildungsfern sozialisierten und die behinderten Kinder? Jede Hoffnung auf deutlich mehr Sonderpädagogenstunden ist pure Träumerei. Diese kinderfeindliche Politik muss aufhören: Eltern sollten für die Erhaltung bedrohter Förderschulen kämpfen, Lehrer sollten das Chaos inklusiver Klassen immer wieder öffentlich machen.

Kinder mit und ohne Behinderung dürfen nicht Gegenstand von Experimenten sein, weder von Sparpolitikern noch von Ideologen. Es geht um eine Inklusion mit Augenmaß: um die ausgewogene und dynamische Kooperation von integrationsoffenen Regelschulen und ergänzenden Förderschulen. Der Heil- und Sonderpädagoge Otto Speck bezeichnete dies als "dual-inklusives Schulsystem". Die Devise kann nur sein: So viel hochqualitative Integration wie möglich, so viel durchlässige Separation wie nötig. Jedes Kind soll am für es sinnvollsten Ort lernen können. Dies kann auch, wie weltweit üblich, zeitweise eine Spezialschule oder Separatklasse sein.

Dem Onlineportal News4teachers ist zuzustimmen: "Der Unmut unter überforderten Lehrkräften und enttäuschten Eltern wächst explosionsartig. (...) Wir brauchen jetzt eine breite Debatte über die Inklusion - sonst droht ihr das Schicksal von G 8."

Michael Felten, 65, arbeitet als Gymnasiallehrer und freier Schulentwicklungsberater in Köln.