Gastkommentar Entwicklungshilfe neu denken

Eine Konsequenz des Kampfes gegen den Klimawandel: Das Geld für die Dritte Welt sollte sinnvoller genutzt werden.

Von Jörg Peters

Ein zentraler Punkt des Klimaabkommens von Paris ist die Unterstützung der Entwicklungsländer bei der unvermeidbaren Anpassung an den Klimawandel. Spätestens von 2020 an sollen dafür 100 Milliarden Dollar von Nord nach Süd fließen - jährlich. Das ist richtig: Mindestens so wichtig wie die Vermeidung von klimaschädlichen Emissionen ist es, die Armen der Welt widerstandsfähiger gegen Folgen der sich ändernden Umwelt zu machen. Diese Folgen treffen jene am härtesten, die am wenigsten Ressourcen haben. Allerdings bedeutet mehr Entwicklungshilfe nicht unbedingt mehr Armutsbekämpfung. Entwicklungshilfe hilft häufig, aber lange nicht immer und selten so gut, wie es möglich wäre.

So wirken viele Maßnahmen zwar in der Theorie, ihre Umsetzung hängt jedoch von den Menschen ab, denen die Unterstützung zuteil wird. Ein Beispiel: Gekocht wird in Entwicklungsländern größtenteils mit Feuerholz, weil Strom und Gas oft nicht verfügbar oder zu teuer sind. Der Holzverbrauch führt zu Entwaldung und damit zu CO₂-Emissionen, der beim Kochen entstehende Rauch ist sehr gesundheitsschädlich. Zahlreiche Projekte versuchen, dem durch Verbreitung effizienterer Kochherde zu begegnen. Sie setzen darauf, dass sich die Anschaffung oft bereits nach kurzer Zeit lohnt. Die Leute aber kaufen die Herde häufig trotzdem nicht, weil ihnen das Einsparpotenzial nicht klar ist, sie dem Produkt nicht trauen oder sie sich die kleine Investition nicht leisten können. Werden die Kochherde hingegen verschenkt, enden sie bisweilen ungenutzt, weil sie nicht den Bedürfnissen entsprechen. All dies wird bei der Planung eines Hilfsprojektes oft nicht mitbedacht.

Viel Geld ist bereits in Projekte geflossen, die auf dem Papier sinnvoll aussahen, sich im Feld aber als wenig wirksam herausgestellt haben. Um den Armen bei der Anpassung an den Klimawandel zu helfen, ist ein Paradigmenwechsel notwendig: Hilfe und auch Beratung von Regierungen sollten nicht mehr nur theorie-, sondern evidenzbasiert sein: Nur was sich in der Praxis bewährt hat, darf weiter umgesetzt und ausgeweitet werden.

Bei privaten Stiftungen wie der Bill and Melinda Gates Foundation oder der Azim Premji Foundation ist eine solche Herangehensweise bereits gelebte Praxis. Bill Gates selbst sagte einmal: "Erfolg hängt davon ab zu wissen, was funktioniert." Das klingt banal, schließlich schreiben mittlerweile auch staatliche Einrichtungen der Entwicklungspolitik Begriffe wie "Wirkungsevaluierung" und "Lernen" groß. Die Krux liegt in der Frage, woher das Wissen über das Funktionieren stammt. Evaluiert wird viel, doch meist durch die Organisationen selbst. Das wirft Fragen der Unabhängigkeit auf, aber vor allem bleiben dabei aussagekräftige Instrumentarien ungenutzt, die in der Wissenschaft mittlerweile verfügbar sind. Ein Beispiel hierfür sind die vor allem durch die Arbeit von Esther Duflo bekannt gewordenen Randomized Controlled Trials (RCT), in denen Maßnahmen per Zufallsauswahl von verschiedenen Gruppen oder Personen unter Alltagsbedingungen getestet werden.

Ein Paradigmenwechsel zu einer evidenzbasierten Entwicklungspolitik könnte daher so aussehen: Entwicklungsprojekte sollten stets mit einer Pilotphase starten, in der wie bei der Anwendung von neuen Medikamenten ein zunächst klein gehaltener Teil des Projektes für ein bis zwei Jahre - im Idealfall im Rahmen eines RCT - getestet wird. Die Ergebnisse dieser Testphase sollten dann genutzt werden, um das Programm auf das ganze Land auszuweiten. Die langfristige Wirksamkeit würde zudem weiter erhöht, wenn auch das ausgedehnte Programm in ähnlicher Manier evaluiert wird.

Deutschland ist in einer guten Position, um den Paradigmenwechsel zu fördern

Im Beispiel der effizienteren Kochherde könnte einer zufällig ausgewählten Gruppe von Dörfern der Kochherd zum Normalpreis angeboten werden, einer weiteren zufällig ausgewählten Gruppe würde er geschenkt und einer dritten Gruppe die Finanzierung mit einem Kleinkredit erleichtert. Der Vergleich der Dörfer erlaubt dann sehr verlässliche Aussagen über die Wirkung der unterschiedlichen Herangehensweisen. Beispielsweise kann sich zeigen, dass sich tatsächlich die meisten Menschen den Kochherd nicht leisten können, ein Finanzierungsmodell im Alltag zu kompliziert ist, die Leute jedoch den Herd sehr wohl nutzen, auch wenn er verschenkt wird.

Die deutsche Entwicklungspolitik bietet sich bei dem beschriebenen Paradigmenwechsel für eine Vorreiterrolle an, verfügt sie doch mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) über eine Organisation mit einem weltweit einzigartigen Netz von Experten in fast allen Entwicklungsländern. Auch das 2013 gegründete Deutsche Evaluierungsinstitut der Entwicklungszusammenarbeit (Deval) kann eine wichtige Rolle bei der evidenzbasierten Gestaltung von Entwicklungshilfe übernehmen und insbesondere die nötige Zusammenarbeit mit der Wissenschaft steuern. GIZ-Programme selbst lassen sich zwar nicht immer, wie oben beschrieben, erst auf ihre Wirkung überprüfen, weil oft der Fokus auf Beratung von Regierungen liegt und nicht auf der direkten Bereitstellung von Hilfe. Doch sind die Regierungen ihrerseits für die Bereitstellung von öffentlichen Gütern verantwortlich, so dass die GIZ durch die enge Kooperation darauf hinwirken kann, dass Maßnahmen erst getestet werden.

Klar ist, dass dafür interne Kapazitäten aufgebaut und externe Wissenschaftler einbezogen werden müssten. Als Faustformel veranschlagen private Organisationen, die den Ansatz bereits erfolgreich verfolgen, dass rund zehn Prozent des Programmvolumens für Evaluierung nötig sind. Eine methodisch anspruchsvollere Projektbegleitung wird damit teurer als das, was momentan in der Entwicklungshilfe für Evaluierung vorgesehen ist. Aber teurer sollte in diesem Fall nicht gleichgesetzt werden mit: zu teuer. Die bisherige Entwicklungshilfe ist bei allem Wohlwollen keine unumstrittene Erfolgsgeschichte. Im Gegenteil, in anderen europäischen Ländern wird ihre Wirksamkeit viel heftiger infrage gestellt als in Deutschland. Reformen, die die Hilfe wirksamer machen, lohnen sich daher trotz Mehrkosten in jedem Fall.

Jörg Peters, 38, ist Leiter der Forschungsgruppe "Klimawandel in Entwicklungsländern" am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen und Associate Professor an der University of the Witwatersrand in Johannesburg, Südafrika.